Alle Beiträge von Red.

Der erste Stein

Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche

»Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?« Diese Worte von Papst Franziskus liessen die Welt aufhorchen und viele homosexuelle Priester Hoffnung schöpfen. Doch ein grundlegender Wandel in der Haltung der katholischen Kirche gegenüber Homosexualität lässt weiter auf sich warten. Umso mehr Wirbel verursachte das Coming-out des hochrangigen polnischen Priesters Krzysztof Charamsa im Oktober 2015. Charamsa lehrte an der Gregoriana und war Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre. Charamsa, der mit einem Mann zusammenlebt, wählte bewusst den Zeitpunkt kurz vor Beginn der Familiensynode im Vatikan, um auf das »unmenschliche« Verhältnis der Kirche zu Homosexuellen hinzuweisen und auf die Tatsache, dass der Klerus in weiten Teilen homosexuell sei. In seinem Buch berichtet Charamsa von seinem persönlichen Werdegang und seiner Kirchenkarriere, eröffnet erschreckende Einblicke in den Alltag von kirchlicher Ausbildung und Klerus, beschreibt die Absurdität von Doktrinen und Vorschriften wie dem Zölibat. Dabei greift er immer wieder die homophoben Strukturen der katholischen Kirche an. Sein Coming-out wird für ihn zur grossen Befreiung. Seine persönliche Geschichte ist die Geschichte “einer Kirche, die besessen ist vom Sex, die der Sex krank macht.”

Der erste Stein Book Cover Der erste Stein
Krzysztof Charamsa
Kirche
Bertelsmann
2017
Gebunden
320
978-3-570-10327-2
9783641206734 / B01N0NS6BW

Der heilige Schein

Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche

David Berger ist schwul. Führende Kirchenvertreter nutzen seine sexuelle Orientierung, um ihn auf Spur zu halten. In diesem Buch deckt der hochrangige Theologe auf, was sich in den erzkonservativen Kreisen der katholischen Kirche abspielt. Ein Insiderbericht, der aufrüttelt und einen Schlüssel zu den Skandalen in der katholischen Kirche liefert.

Der heilige Schein Book Cover Der heilige Schein
David Berger
Kirche
Ullstein Verlag
2012
Taschenbuch
304
978-3-548-61098-6
9783843707701 / B00FQK1I8W

Ist eine sexuelle Orientierung “heilbar”?

Auszug aus Prof. Dr. Udo Rauchfleischs Stellungnahme zur Broschüre von Wüstenstrom:

… Die uns heute vorliegenden humanwissenschaftlichen Forschungsergebnisse lassen erkennen, dass die sexuellen Orientierungen homosexueller wie heterosexueller
Art einerseits auf genetische Dispositionen beruhen und andererseits, von diesen Dispositionen ausgehend, sehr früh im Leben eine in ihrer Grundstruktur nicht veränderbare Ausformung erfahren. Gewiss sind im Verlauf des weiteren Lebens Änderungen des sexuellen Verhaltens möglich, vor allem wenn, wie in evangelikal – fundamentalistischen Kreisen, die Bezugsgruppe eines Menschen einen starken Druck auf ihn ausübt. Das Resultat solcher Beeinflussung von aussen ist aber höchstens eine Änderung des Sexualverhaltens, d.h. in diesem Fall der Wechsel von gleichgeschlechtlichen zu gegengeschlechtlichen Partnerinnen und Partnern.

Die eigentliche sexuelle Orientierung mit den daran geknüpften Gefühlen, den erotischen und sexuellen Phantasien sowie den sozialen Präferenzen lässt sich jedoch nicht verändern. Die vielen Beispiele von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen, die unter massivem Druck von aussen eine Veränderung vorgenommen haben (d.h. angeblich „geheilt“ waren) und über kurz oder lang wieder entsprechend ihrer ursprünglichen sexuellen Orientierung leben, legen ein beredtes Zeugnis für diese prinzipielle Unveränderbarkeit der sexuellen Orientierung ab.

Häufig wird die Änderung im Sexualverhalten mit schweren Depressionen, zentralen Selbstwertproblemen und tiefer Verzweiflung erkauft und kann bis zum Suizid der betreffenden Menschen führen, die an dem Konflikt zwischen dem äusseren und dann von ihnen verinnerlichten Druck einerseits und dem Gefühl, ein Leben im Gegensatz zu ihrer sexuellen Orientierung zu führen, zerbrechen. Hier muss man eindeutig von einem Missbrauch und
einer Schädigung durch sogenannte therapeutische oder seelsorgerliche Interventionen sprechen. Dabei ist besonders fatal, dass die Mehrzahl derer, die solche „Umpolungen“ durchführen, keine psychotherapeutisch fundiert ausgebildeten Fachleute sind. Es ist deshalb wichtig, dass die medizinischen und psychologischen Fachverbände eindeutig Stellung nehmen gegen derartige unprofessionelle und ethisch nicht vertretbare Aktivitäten.

Prof. Dr. Udo Rauchfleisch
Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel
Psychotherapeut in privater Praxis in Binningen / BL, Schweiz

Um ca. 2003.

Kurt Marti gestorben

wo chiemte mer hi wenn alli seite wo chiemte mer hi und niemer giengti fur einisch z’luege wohi dass mer chiem we me gieng.

Zyt isch nid zahl nid schtrecki
Zyt isch es löcherbecki
Wo scho nach churzem ufenthalt
Dr mönsch z’dürab i d’unzyt fallt.

Gestern Samstag starb der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti 96-jährig.  Er ist auch auf unserer Website mit Gedichten und Gedanken vertreten.

Ich habe zwei Nachrufe gefunden: Im Tagesanzeiger von Res Strehle und bei SRF.ch von Felix Schneider.

EuroForum 2017 Conference, Gdansk Registration Open

Dear friends,

We are happy to finally open the registration for the EuroForum 2017 Conference that will take place in Gdansk, Poland, on 24-28 May. The title of this year’s conference is “Forwards in Solidarity.” This event that will take place in the cradle of Polish Solidarność trade union and Central/Eastern European democratic changes will allow us to re-discover what this well-known and somehow dusty word means for us as a movement, for our groups, and for us individually as LGBT Christians. Even though looking at the world around us today makes one certain that solidarity is still a challenge and ‘work-in-progress,’ it is our choice to continue to believe in the power of this, in fact, truly Christian value.

And just to give you a taste of what it will be like in Gdansk in May 2017, let us mention several aspects and ways solidarity will be present at our conference (along with our usual workshops and AGM).

  • In the times of increasing attention to and awareness of the intersectionality challenge for the work of our movement, we will be delighted to have our friends and allies from partnering organisations present at our conference!
  • The conference itself will be hosted jointly by European Forum member group Wiara i Tęcza (Faith and Rainbow) and Tolerado, a secular LGBT organisation from Gdansk.
  • As a sign of solidarity with the LGBT people of faith, Gdansk Equality Week 2017 is focused on the issues of spirituality. So first half of our Saturday programme will take the shape of a public conference with workshops and a panel discussion at the magnificent European… Solidarity Centre!
  • As a sign of visible and active solidarity with the whole LGBT movement we will take part in Gdansk Equality March on Saturday, 27 May (that’s why, unlike in the usual order of business at our conferences, our AGM will take place on Friday!).
  • Almost every day during the conference we will have a chance to get to know the history of queer Gdansk. Believe it or not, but Solidarność movement history has its rainbow pages, and walking tours around LGBT Gdansk will allow us to locate those places and personalities on the map of that beautiful city.
  • Since this year, when the world celebrates the 500th anniversary of the Reformation, Kirchentag events in Germany will take place the very same week as our conference, some of us will have to make the difficult decision to split our time between the two events and arrive to Gdansk just for the weekend (see so-called Kirchentag options A/B in the registration form below). Though this is not an ideal solution, we intend to see it as an opportunity to express our fellowship and stand together with our friends, supporting each other and celebrating each other.
  • And last but not the least, our unceasing way of expressing solidarity is the Forum Agape Fund. At this conference that takes place so close to eastern borders of Europe, we aim to bring in as many participants from underprivileged contexts and groups as we can. And for this we need your generous contributions. Even a very small donation is a sign of solidarity put into practice!

And while we are looking forward to welcoming you in Gdansk this May, please proceed to the registration form: https://form.jotformeu.com/70194132980354.

On behalf of the Organising Team and the Board of the European Forum,

Misha Cherniak

111 Dinge, die ein evangelischer Pfarrer nicht sagt

Mit Cartoons von Klaus Stuttmann

(Fast) alles ist erlaubt!

Wenn eine Pfarrerin sich anhören muss, sie sei doch eigentlich zu schön fürs Pfarramt, dann sagt sie besser nicht: „Ich mag mir gar nicht ausmalen, in welchem Beruf Sie mich lieber sähen!“ Und schreibt stattdessen an die Facebook-Seite „Dinge, die ein evangelischer Pfarrer nicht sagt“. Wenn der Pfarrer nach der Karfreitagsliturgie verwundert sagt, „man könnte ja meinen, es wäre heute einer gestorben“, dann darf sich auch die Gemeinde getrost fragen, ob es Dinge gibt, die ein evangelischer Pfarrer nicht sagen sollte (und eine Pfarrerin selbstverständlich auch nicht). Am besten ist es aber, man lacht herzlich darüber! Frank Muchlinsky hat auf der gleichnamigen Facebook-Seite solche „Dinge, die ein evangelischer Pfarrer nicht sagt“ gesammelt und aus den Stilblüten, Pannen und Peinlichkeiten rund ums Pfarramt ein humorvolles Buch gemacht.

Ich habe herzlich lachen müssen:

Überholen Sie ruhig.
Ich beerdige Sie gerne!

Wenn IKEA Kirchen einrichten würde:
Kanzel SABBLA
Glocke BIMMLA
Opferstock SPÄNDÄR oder KLIMPA
Heizanlage FRÖSTEPUST
Orgel SINGLA, kleine Orgel WIMMERBY

und noch viel mehr…

111 Dinge, die ein evangelischer Pfarrer nicht sagt Book Cover 111 Dinge, die ein evangelischer Pfarrer nicht sagt
Edition Carmel
Frank Muchlinsky (Hg.)
Satirisches, Humor
Edition chrismon
2016
Gebunden
191
978-3-86921-289-0

Grusswort von Lukas Kundert

25 Jahre lesbisch-schwule Basiskirche in der Offenen Kirche Elisabethen, Basel

Grusswort von Pfr. Dr. Lukas Kundert, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt

Liebe Frauen und Männer

Lesbisch und schwul und Basis und Kirche – das sind gleich vier Begriffe, die eine Menge an Spannung und Spannendem in sich tragen. Zuerst lesbisch und schwul: Die zwei Wörter sind erst gerade etwa zweihundert Jahre alt. Sie sind in unsere Sprache eingeführt worden, als auch der Begriff Sexualität aus der Botanik in die deutsche Sprache aufgenommen wurde. Der Hintergrund war das aufklärerische Interesse, über die biologischen und zoologischen Bedingungen der Geschlechtlichkeit als einer Voraussetzung für die Fortpflanzung nachzudenken. Die davon abgeleiteten Begriffe Homo- und Heterosexualität tragen als Vorstellungskonglomerate folglich eine Enge in sich, die an die Aufklärung gebunden ist. Und gegen diese Enge wehren Sie sich zu Recht, wenn Sie sagen, dass Sie nicht über die Fortpflanzungspräferenzen anderer definiert werden wollen. Ihre Liebe zu Ihrer Frau oder Ihrem Mann erleben Sie unter ganz anderen Vorzeichen, und das wollen Sie auch benennen. Darum: „Lesbisch“ und „schwul“.

Gleichzeitig mit der Aufklärung ist die gesellschaftliche Ächtung von schwuler und lesbischer Liebe als „unnatürlich“, „schädlich“, „abartig“ in unseren Breitengraden heimisch geworden. Das war vorher nicht so. In voraufklärerischer Zeit war die „Ordnung“ durch die Stände geregelt, nicht durch sogenannt „geordnete“ Fortpflanzungspräferenzen. Die bürgerlich-aufgeklärte Gesellschaft aber, die sich über die kalte Ratio zu begründen versuchte, forderte ihre Opfer, nämlich die, die vermeintlich nicht rational handeln oder sind. Das geschah übrigens gleichzeitig, als der moderne Antisemitismus entstand, nämlich als „vernünftiger“ Rassismus: Diffamierend, hasserfüllt und mörderisch, so, wie der Umgang mit Schwulen und Lesben. Kirchliche Kreise haben sich von dieser Form der Bürgerlichkeit ebenso einnehmen lassen, wie die Universitäten, Schulen und der Staat. Was als aufklärerisch vernünftig erkannt wurde, wurde mit viel Pathos als „ewige Wahrheit“ behauptet und als Befreiung des (meist männlich gedachten) Bürgers gefeiert. Das hatte allerdings zur Folge, dass Schwule, Lesben, Frauen, aber auch Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden und viele andere, als krank identifiziert und damit aus den Grenzen der anerkannten Normalität ausgeschlossen wurden.

Frank Lorenz hat in einem eindrücklichen Plädoyer im Kirchenboten eine Inklusionsidee formuliert, wie „gute“ Religion erkennbar wird: Nämlich dann, wenn sie diese Ausgrenzung nicht mitmacht. Ich will es so sagen: Kirche ist dort, wo Liebe so gelebt wird, wie wir sie aus dem Buch Rut kennen. Da haben lesbische Liebe und Fortpflanzungsliebe nebeneinander Platz. Oder in den Samuelbüchern: Da sind schwule Liebe und Fortpflanzungsliebe gleichermassen daran beteiligt, dass die Grundlagen für die messianische Königslinie gelegt werden können.

Dass sich das im Abendland nicht als Standard durchsetzen konnte, hat mit der römischen Moral und deren Herrschaftsvorstellungen zu tun. Die römische Moral hatte mit schwuler Liebe Mühe, nicht aber mit der lesbischen Liebe. Das hat damit zu tun, dass es für Römer unwürdig schien, wenn im Liebesakt ein Mann unten liegt. So simpel war das. Deswegen war allerhöchstens die Liebe zwischen Mann und Knabe anerkannt (weil Knaben nicht als Männer/Menschen, sondern als Sachen galten), nicht aber zwischen Mann und Mann. Das ist ein römischer Herrschaftsdiskurs, der leider fast telquel von den germanischen, gotischen, alemannischen, fränkischen, englischen und sächsischen Moralsystemen übernommen wurde. Meines Wissens aber nicht so sehr im griechischen christlichen Osten.

Heute sind wir zum Glück befreit von diesem Herrschaftsdiskurs. Liebe, Fortpflanzung, Individualitätsbildung, Neigung, Rollenverteilungen, Gesellschaftsmythen und vieles mehr sind nicht mehr in derselben Weise mit Herrschaftsfragen verknüpft, wie es noch vor 50 Jahren der Fall war. Wir sind froh darüber. Sie, liebe Frauen und Männer, haben mit ihrem Mut, zu Ihrer Liebe zu stehen, dazu beigetragen, dass sich auch die Kirche als Institution aus diesen alten Herrschaftsdiskursen verabschieden konnte. Die reformierte Kirche kennt heute schwule und lesbische Pfarrer und Pfarrerinnen. Schwule und Lesben haben Zugang zu allen Ämtern in der Kirche, auch wenn sie zu ihrer Liebe stehen. Dazu, dass das heute (fast)
selbstverständlich ist, haben Sie, liebe Frauen und Männer, beigetragen. Zugleich gilt aber, was ein Synodale kürzlich prägnant gesagt hat: Wer Frauen in alle Ämter zulässt, wer Schwule und Lesben nicht diskriminiert, wem Jüdinnen und Juden nicht als defizitär gelten, gehört noch immer zur Avantgarde, und Avantgarde kann nicht Mehrheit sein. Ich meine, dass Kirche als Nachfolge Christi generell nicht Mehrheit sein kann. Eine Basiskirche schon gar nicht. Denn wer seinen oder ihren Glauben lebt, wer zur ganz anderen Wirklichkeit als die der Gesetze der Welt hält, wird avantgardistisch sein.

Danke, dass Sie hier sind. Danke, dass Sie, liebe Schwestern und Brüder, Christus nachfolgen und mit uns zusammen für ihn einstehen und für seine Botschaft, die an Weihnachten wieder zur Welt kommen will: Dass wir nämlich frei aller Attribute und Wertungen vor Gott schön sind. Wunderschön. Im Namen des Kirchenrats der ERK: Danke!

Gelesen am 18. Dezember 2016

Grusswort von Christoph Sterkman

Geschätzte Mitglieder der Lesbisch-Schwulen Basiskirche,  Verehrte Anwesende

Ich darf an Ihrer Jubiläumsfeier als Vertreter der Römisch-katholischen Kirche ein paar Worte an Sie richten. 25 Jahre Lesbisch-Schwule Basiskirche:

1. Anerkennung und Respekt

Zunächst darf ich Ihnen meine Anerkennung und meinen Respekt bekunden: für Ihr Durchtragen und für Ihre sensible Glaubenssuche, für Ihre Glaubenserfahrungen. Ich erinnere mich an wertschätzende Worte unseres damaligen Dekans Hans Pfeifer, der in den Anfängen auch ab und zu Gottesdienste mit Ihrer Gemeinschaft feierte. Ich war damals Vikar, dann Pfarrer in St. Anton und eigentlich sehr weit entfernt von Ihrer Realität. Doch die Weise, wie Dekan Pfeifer über die „schwul-lesbische Basisgemeinde“ gesprochen hat, hat meinen Respekt bis heute grundgelegt.

2. Dank und Ermutigung

Es war sicher eine mutige Entscheidung damals. Ich darf Ihnen den Dank unserer Kirche aussprechen für diesen Mut und auch dafür, dass in schwierigen Momenten Personen aus Ihrer Mitte erstanden sind, die Verantwortung übernommen haben. Und ich möchte Sie ermutigen: Machen Sie weiter. Lassen Sie sich nicht entmutigen.

3. Haltung der Röm.-kath. Kirche

Ich will nicht verschweigen, dass es die Römisch-katholische Kirche den schwulen und lesbischen Katholiken nicht immer leicht gemacht hat. Es besteht die Spannung zwischen der Wertschätzung gegenüber den Personen mit homosexueller Orientierung und der Beurteilung von homosexuellen Handlungen als in sich nicht in Ordnung. Dazu kommen gewiss auch manche diffusen Ängste und Vorbehalte, denen Sie bei Menschen in unserer Kirche begegnen.

Gerade angesichts solcher Herausforderungen und Realitäten ermutige ich Sie, weiterzumachen in der Glaubenssuche und in der gemeinschaftlichen Feier des Glaubens.

Letztlich stehen wir Seite an Seite im Ringen um unsere Identität als Menschen und Christen, im Ringen um Integration unserer Affektivität in unsere Persönlichkeit und um Wahrhaftigkeit. Niemand kann von sich behaupten, in dieser Hinsicht anderen die Nase vorn zu haben.

Und ich darf Ihnen zum Schluss auch sagen, dass die Röm.-kath. Kirche in diesen Jahren kleine Akzentverschiebungen bei der Gewichtung von Lehre und Person vorgenommen hat. Papst Franziskus hat nicht nur den bekannten Ausspruch gemacht: „Wer bin ich, dass ich urteile?“ Er drängt auch dazu, dass sich die Kirche in Bewegung setzt. Und so finde ich als Ergebnissicherung in seinem Apostolischen Schreiben zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit folgende bedeutsame Aussage, die ich Ihnen und uns allen gerne mit auf den Weg gebe:

„Die Barmherzigkeit kann nämlich im Leben der Kirche nicht blosser Einschub sein, sondern sie ist ihr eigentliches Leben, das die tiefe Wahrheit des Evangeliums deutlich und greifbar werden lässt. Alles wird in der Barmherzigkeit offenbart; alles wird in der barmherzigen Liebe des Vaters gelöst.“

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

Christoph Sterkman

Gelesen am 18. Dezember 2016

Was auf dem Spiel steht

„Gibt es Massstäbe, an denen man Religionen oder Weltanschauungen messen kann?“, fragte mich mal ein Konfirmand. Ich überlegte etwas und prägte dann folgendes Kriterium, das ich nachher noch häufig in Konf- oder Reliklassen wiederholte: „Fragt einfach: Wie ist die Stellung der Frau? Und: Wie gehen sie mit Juden und mit Homosexuellen um? Wenn die Frau gleichberechtigt und nicht biologistisch verengt gesehen wird, wenn Juden und Homosexuelle ihren Platz haben und gleichgestellt sind, dann wisst ihr, dass ihr es mit einer reifen, guten Religion oder Weltanschauung zu tun habt.“ Noch heute bin ich überzeugt, dass diese drei Fragen den Lackmustest für Toleranz und Menschlichkeit darstellen. Die drei Kriterien bilden die Mängel oder Fehler von Weltdeutungen ab, die Menschen auf ihren Wert in der Fortpflanzung reduzieren, die bereit sind, verbale oder reale Gewalt anstatt Argumente einzusetzen und Religion mit Macht verwechseln; im Fall von Schrift-Religionen kommt dann noch die Art der Auslegung hinzu: Literarisch ehrlich, historisch-kontextuell oder monolithisch-eklektisch. Einfacher gesagt: Wissen die Gläubigen, dass ihre „heilige Schrift“ nicht vom Himmel gefallen, sondern von Menschen in Jahrtausende alten Prozessen geschrieben wurden und betrachten sie sie das Ganze von Ihrem Kern her oder brechen sie Teile oder einzelne Passagen heraus, wie aus einem Steinbruch, um damit Ehebrecherinnen oder sonstige Übeltäter zu steinigen.

Wenn man auf die Geschichte der der Schriftreligionen, insbesondere des Christentums blickt, dann fällt eine verhängnisvolle Fixierung auf die Sexualität auf. Zu keinem anderen Thema haben sich die Kirchen so häufig und brachial vernehmen lassen, wie zu dem, was zwei Menschen im trauten Heim unter der Bettdecke tun. Dabei hätte es in der Kirchengeschichte wahrlich andere Themen zum Warnen oder Mahnen gegeben. Die Sexualität scheint – dies ein Deutungsversuch – in besonderer Weise der heiligen Flamme zu entsprechen, die seit dem Dornbusch bis zum ersten Pfingsten zwischen Sinaj, Jerusalem und Rom brannte. Die „richtige“ Sexualität wurde geheiligt und die falsche verteufelt. Eine ähnliche Hassliebe verbindet das Christentum einzig mit dem Judentum. Was der jüdische deutsche Politiker Walter Rathenau über seine eigene Lebenserfahrung als Jude schrieb, könnte jeder junge Schwule, jede junge Lesbe, eins zu eins als homosexuelle Person wiederholen: „In den Jugendjahren eines jeden Juden gibt es den schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn er sich zum ersten Mal voll bewusst wird, dass er als Mensch zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“

Um gleichgeschlechtliche Liebe zwischen zwei Erwachsenen in irgendeiner Weise beurteilen zu können, müsste die Bibel über konstitutionelle und partnerschaftliche Homosexualität, wie wir sie heute kennen, irgendetwas aussagen. Das tut sie aber nicht. Sie kennt zwar 7 (!) von 31170 Versen, die einschlägige genitale Handlungen verurteilen, sagt aber nichts, was relevant sein könnte für eine aufgeklärte, heutigem Denken entsprechende Stellungnahme von Kirchen zu gleichgeschlechtlich Liebenden und Lebenden. Von Jesus und in den Evangelien ist übrigens gar nichts bekannt zu diesem Thema!

Bei christlicher Rede über gleichgeschlechtlich Liebende steht einiges auf dem Spiel: Das Verständnis von Bibelauslegung, das Verhältnis zur eigenen Sexualität und Körperlichkeit, das Verständnis von Ehe und Partnerschaft und letztlich auch das Menschen- und Weltbild.

Ich bin überzeugt, dass die christlichen Kirchen bei Schwulen und Lesben vieles wieder gutzumachen haben, da sie für deren öffentliche Diskriminierung und Schädigung an Leib und Leben mitschuldig sind. Die evangelische Berlin-Brandenburgische Kirche hat als erste 1990 ein Schuldbekenntnis gewagt, in dem sie bewusst auch sprachlich die Nähe zum Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirchen 1945 suchte und ihre Mitschuld an der Vernichtung des Lebens von zehntausenden homosexuellen Männern während des Nationalsozialismus durch ihr Schweigen bekannte und zu einem kirchlichen und theologischen Handeln aufrief, das solche Strukturen von Unterdrückung in Zukunft verunmögliche. Ähnlich klingt der Beschluss der Synode der reformierten Kirche St. Gallen: „Weil die christlichen Kirchen in der Vergangenheit (…) eine schwere Schuld gegenüber homosexuell orientierten Menschen auf sich geladen haben, sollten sie diese auch darin unterstützen, wenn sie im Zivilgesetzbuch explizit aufgenommen werden wollen. Die rechtliche Besserstellung homosexueller Paare (ist) auch aus einer christlichen Perspektive nicht nur vertretbar, sondern sogar wünschbar.“ Fast halbherzig wirkt dagegen die eigentlich mutig gemeinte Stellungnahme unserer Kantonalkirche von 1994, an der der Autor dieses Textes in einer Studiengruppe mitwirkte: „Ethische Forderungen eines gegenüber Gott und den Nächsten verantwortlichen Umgangs mit der Sexualität richten sich an Menschen mit homosexuellen und heterosexuellen Empfindungen gleichermassen. Wir achten homosexuelle Frauen und Männer als Mitglieder unserer Kirche, auch wenn bis heute in unserer Gesellschaft und auch innerhalb unserer Kirche unterschiedliche Auffassungen über Homosexualität bestehen. Abwertende Urteile haben keinen Platz.“ Und doch war dieses Papier der Grund dafür, dass die Lesbische- und Schwule Basiskirche Basel (LSBK) ungehindert in der Offene Kirche Elisabethen seit 25 Jahren ihre Gottesdienste feiern kann.

Frank Lorenz