Archiv der Kategorie: Historische Texte

Spitzer-Studie wird offiziell begraben

Vom ExGay-Observer (22. Mai 2012, damit er nicht verlogen geht.)

Dr. Robert Spitzer hat sich nun schlussendlich für das Veröffentlichen seiner „Studie“ entschuldigt. In seiner Studie versuchte er anhand von 200 Befragten, einen Zusammenhang herzustellen zwischen Konversionstherapien (Umpolungstherapien) und einem damit verbundenen „Erfolg“ zur „Heilung“. Bis heute gilt die Spitzer-Studie als Beleg für viele fundamentalistische christliche Organisationen, dass Homosexuelle in einer Umpoltherapie Aussicht auf Erfolg hätten, um von ihrer Homosexualität wegzukommen.
Kritiker betonten immer wieder, dass die Studie unwissenschaftlich erstellt wurde und selbst bei positiver Deutung der Ergebnisse keineswegs von Erfolg die Rede sein könnte. Diese Kritik bestätigte nun Spitzer offiziell. Die Studie zog er zurück. Mit seiner Entschuldigung an alle Betroffenen bestätigte Spitzer nun auch, was die größten Ärzteverbände weltweit schon aussagen: Homosexualität ist keine Krankheit, und sie kann umsoweniger „geheilt“ werden.
Diese Erklärung bezeichnet den momentanen Untergang der Exgay-Bewegung. Es gibt keinerlei fundierte Hinweise auf die Wirksamkeit von Konversionstherapien, dafür aber genügend Belege für die selbstzerstörerische Gefahr dieser Therapien bei Betroffenen (wir berichteten).
Notiz aus dem „Spiegel online“ am 21. Mai 2012

Unsittliches Tun oder anerkennenswerte Lebensform?

Lesben, Schwule und Bisexuelle in Kirche und Gesellschaft.

Unter diesem Titel hat der Schweizerische Katholische Frauenbund SKF am Samstag, 2. November 2002 in Olten zu einer offenen Tagung eingeladen. Vorausgegangen war der mutige Schritt der katholischen Frauenbewegung in der Erarbeitung des Diskussionspapiers mit dem gleichlautenden Titel, das am 25. Januar 2001 vom Zentralvorstand verabschiedet wurde. Darin wird die Vision formuliert, dass neben dem gesellschaftlichen Umdenken und der Anpassung der Gesetze auch die Kirche schritt halten muss, den wenn sie sich auf die Liebe als Grundlage ihres Selbstverständnisses beruft so muss sie dies im Kontext ihres Wirkungsfeldes intensiv und nachhaltig tun und sich für die derzeitigen gesellschaftlichen und politischen Anstrengungen zur Integration von Lesben und Schwulen auch in eigenen Kreisen einsetzen. Sie muss Veränderungen zulassen und ernsthaft die Möglichkeit schaffen einer kirchlichen Feier zur Eröffnung des gemeinsamen Lebensweges von Homosexuellen in dem sie um den Segen Gottes bittet zum Gelingen der gleichgeschlechtlichen
Partnerschaften. Die Kirche muss für Lesben, Schwule und Bisexuelle genauso wie für alle Menschen Heimat sein. Das aber wird nur möglich sein, wenn deren Lebensform und Sexualität verstanden und akzeptiert wird. So kann Kirche zu dem werden, was sie sein soll: ein Ort echter und vorurteilsfreien Begegnung zwischen den unterschiedlichsten Menschen.

Der SKF will zur Enttabuisierung beitragen und sich aufgrund seines Leitbildes einsetzen:

  • für die Anerkennung gleichgeschlechtlich orientierter Menschen in Kirche und Gesellschaft
  • für eine gerechte gesetzliche Regelung gleichgeschlechtlicher Lebensformen und Partnerschaften durch Mitsprache bei Gesetzesrevisionen in der Schweiz
  • für die Enttabuisierung des Themas innerhalb des Verbandes
  • für lesbische Frauen und für die Mütter von lesbischen oder schwulen Kindern, in demer eine Plattform zur vorurteilsfreien Auseinandersetzung bietet
  • für die Erziehung zur Toleranz und zur Akzeptanz gleichgeschlechtlich orientierter Kinder und Jugendlicher in Familie und Schule
  • für eine qualitative Weiterentwicklung der Schulbücher, in denen die gleichgeschlechtlich orientierte Lebensform thematisiert werden, d.h. unter anderem dafür, dass Sexualität nicht auf den biologischen Bereich reduziert wird
  • für die offene Diskussion über Sexualität in der Kirche
  •  für einen Dialog mit der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) zum Thema Lesben,Schwule und Bisexuelle im kirchlichen Dienst und für deren Zulassung zu Leitungsfunktionen.

An der Tagung kamen ausgewiesene Fachleute zur Sprache. Prof. Dr. Udo Rauchfleisch gab Einblick in die psychologische Zugänge zu gleichgeschlechtlichen Orientierungen und Lebensweisen. Er erörterte den Heterosexismus, der alles über die Leiste der Heterosexualität schlägt und Heterosexualität als allgemein gegeben voraussetzt. Diese Verharren in der Polarität kann zu Verbiegung der Persönlichkeit eines homophilen Menschen führen, der Selbstverletzung oder der Aggression gegenüber allem  Homosexuellen. Das Festhalten der Rollenverteilung von Mann und Frau in Gesellschaft und Kirche diene nur der Machterhaltung und liesse kaum Raum für das Potential der homosexuellen Lebensweisen. Die Avantgarde homosexuellen Partnerschaften könnten die heterosexuellen Beziehungen bereichern gerade vor allem hinsichtlich Nähe-Distanz-Regulierung und egalitärer
Rollenverteilung.

Im zweiten Referat kam Dr. theol. Silvia Schroer, Professorin für altes Testament und Biblische Umwelt, zu Wort. Sie eröffnete uns einen neuen wissenschaftliche fundierten Zugang zu biblischen Texten auf die Frage der Homosexualität. Sie legte dar, dass die Verdrängung der Homoerotik in biblischen Texten von der Einstellung des Betrachtenden abhänge. Es gehe darum die Offenheit und bewusste Positionierung gerade auch auf die Homoerotik im biblischen Kontext als durchaus bejahend einzunehmen und die erotische Qualität der Beziehungen in der Überlieferung nicht im Voraus abzulehnen sei. Es brauche eine innere Bereitschaft die biblischen Texte neu zu lesen und die Möglichkeit der homoerotischen Beziehung durchaus als erotisches Verhältnis anzuerkennen und nicht nur als politische Beziehung, so z. B. bei 1. Samuel 16. Es darf einfach nicht davon ausgegangen werden, dass alles über die Leiste des Heterosexismus geschlagen wird. So lässt sich die Homoerotik zwischen David und Jonathan (1. Samuel 18) nicht beweisen, da es nur eine Erzählung ist und wir heute keinen Zugang mehr haben zur Wirklichkeit, die erotische Komponente zwischen diesen Männern dürfe aber nicht ausgeschlossen werden. Aus diesem Verständnis heraus muss auch der Schöpfungsbericht (Gen. 2) neu gelesen werden, nämlich dem expliziten Verhältnis von Liebenden. Gott selbst greift ein und schafft dem Menschen einen ebenbürtigen Partner gibt ihm die menschliche Würde zurück, im Durchbrechen der Einsamkeit.

Im dritten Block der Tagung kamen zwei Frauen vom Beratungstelefon „lilaphon“ zu Wort, die einen theatralischen Einblick gaben in das Alltägliche aus dem Leben einer bisexuellen und einer lesbischen Frau. Ein paar Zitate aus dieser Begegnung:

  • lesbisch und schwul kann man sein, aber heterosexuell kann man gemacht werden
  • Zuneigung, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Liebe stehen im Gegensatz zu der Ausübung von Macht und Kontrolle
  • lesbisch sein als lustvollste Art Widerstand zu leisten am Patriarchat.

Abschliessend war die Möglichkeit gegeben zur Podiumsdiskussion. Die Akzeptanz kristallisierte sich in der Frage, ob Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen. Schnell war klar, dass es um das Wohl des Kindes gehen muss, nämlich das es ein gutes Umfeld braucht um aufzuwachsen, egal ob in einem Homo- oder Heterosexuellen Gesichtskreis. Das Kind braucht einen Ort wo es geliebt wird und Geborgenheit spüren kann, damit es zu einem guten Menschen heranwächst. Es zeigt sich, dass die Frage der Adoption als Knackpunkt in der Frage der Gleichstellung wird, nämlich ob die homosexuellen Frauen und Männer als Gleichwertige Menschen betrachtet werden oder nicht.

Diese Tagung war ein voller Erfolg, und regt an zu einem vorteilsfreien Umgang im Geiste
der Versöhnung untereinander. Die Frauen des SKF verdienen  unsere Anerkennung und Unterstützung in der Auseinandersetzung in Kirche und Gesellschaft.

Stephan

Die genannte Broschüre fand sich beim Frauenbund.ch   jetzt aber bei uns: LesBiSchwul  pdf, 280 KB

 

Ostern

An einem der Ostersonntage war ich im katholischen Festgottesdienst meiner Wohngemeinde. Vorne stand ein mir fremder Priester, der aushalf. Meine anfängliche Skepsis wich, als er mit der Predigt begann. Für mich wichtig wurde es, als er den Weg des Apostel Thomas beschrieb.

Thomas, als jemand der ein rechtgläubiger Jude war, der die Schrift gut kannte und sich danach sehnte, den Willen Gottes zu erfüllen.

Für ihn bricht eine Welt zusammen, dass Jesus, den er als Mann Gottes betrachtet, von dem er gehofft hatte, er sei der Messias, am Holz des Kreuzes starb. Denn für ihn und seine Zeitgenossen hiess es in der Schrift, dass solche, die am Holz des Kreuzes sterben, nicht nur von den Menschen, sondern auch von Gott verflucht seien.

Thomas machte durch die begreifbare Erfahrung mit dem Auferstandenen und des Angenommenseins einen Weg, der ihn befähigte, sein Verständnis der Schrift und Menschenurteil zu revidieren.

Für mich, der die Schrift auch wichtig ist, war es eine Zusage, dass es tatsächlich sein kann, dass ich tief in mir die Gewissheit habe, ich bin von Gott geliebt und Mitarbeiterin an seinem Reich. Obwohl es Gottsuchende gibt, die meinen, dass Gott mich als Frau, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, nicht so gedacht haben kann.

Diese Predigt lässt mich aufatmen, ermutigt mich zum Leben. Deswegen habe ich sie als Befreiungs- eben eine Osterpredigt erlebt.

Dörthe, 2004 im Querkreuz 9

Glaube konkret – John McNeill in Basel

Vom 13. bis 21. September diesen Jahres hielt sich John McNeill mit seinem Partner Charles Chiarelli auf Einladung der Kommunität Friedensgasse in Basel auf, um im Rahmen des Projektes „Lesbisch-Schwule Spiritualität“ einige Veranstaltungen durchzuführen, u.a. um auch bei einem unserer LSBK -Gottesdienste mitzuwirken.

John McNeill gilt als einer der Vorkämpfer für die Rechte der Schwulen innerhalb der Kirchen und entwickelte interessante und sehr bedeutende Impulse zum Thema „Spiritualität für Lesben und Schwule“. Unbestritten ist er eine der bedeutendsten Figuren der weltweiten christlichen Homosexuellenbewegung.

Während seines Aufenthaltes in Basel hatte ich das Vorrecht, ihm und Charles des öfteren Gesellschaft zu leisten, „Gastgeber zu sein“, und dementsprechend Zeit mit diesen beeindruckenden Männern zu verbringen. Insofern möchte ich nun nichts Inhaltliches schreiben, z.B. über Erkenntnisse, die John aus jahrelanger Arbeit im Bereich „Spiritualität und Homosexualität“ gewonnen hat, sondern einige persönliche Eindrücke aus der Begegnung mit diesen „älteren“ Herren von 75 und 65 Jahren weitergeben, die mich sehr tief berührt haben:

Sollte ich eine Grundhaltung benennen, die Johns Sein bestimmt, so ist es die Grundhaltung der Dankbarkeit. Trotz allem Schlimmen, das er auch von Seiten seiner Kirche erlebte, die er immer noch liebt, strahlt John diese Qualität aus:

Ja, das Leben ist lohnens-, lebens- und liebenswert, trotz allem , was dir Mühe macht – ergreife es – gestalte es – lass es dir nicht rauben und nehmen – es ist Dein Leben, das dir Gott anvertraut hat – sage Ja dazu !

Eine weitere Grundhaltung ,die ich bei John und Charles wahrgenommen habe, ist die Grundhaltung der Aufmerksamkeit. Selten habe ich soviel Interesse und Zuwendung in einer Begegnung erlebt und schon bald drehte sich die Rolle: Nicht nur John stand im Mittelpunkt als der weise Mann, der Erfahrene und „Meister“, sondern auch meine Lebensgeschichte interessierte ihn, bewegte ihn. Sehr sensibel und mit wohl ausgewählten Worten griff er immer wieder neu meine Situation auf und ermutigte mich zu neuen Haltungen und Schritten.

Und das ist auch die dritte Qualität, die John so deutlich lebt: Ermutigung!

Ermutigung, sich für die Liebe Gottes zu öffnen…eigentlich, so meinte er, ist es gar nicht schwer , Christ zu sein: alles, was es braucht, ist die Bereitschaft, sich von Gott lieben zu lassen, bedingungslos lieben zu lassen. Nur so kann das Vertrauen wachsen, dass er es gut mit uns meint und schon dafür sorgt, dass wir das bekommen, was wir zum Leben brauchen. So ist es für John eine Selbstverständlichkeit, dass wir, falls noch solo und dabei unglücklich, doch zur besten Partnervermittlung gehen, die es gibt: „Just pray for it – Bete doch einfach dafür!“

John meinte das nicht billig, sondern „todernst“ und lebenserprobt.

Warum eigentlich nicht?

Günter

Aus Querkreuz Nummer 1, Dezember 2000

SEKTENTHERMOMETER

G. Schmid ortet nicht überall Sekten, aber überall Sekten-Tendenz. Je mehr sich eine Gemeinschaft um den Persilschein bemüht, keine Sekte zu sein, desto eher ist sie vom Sektenfieber gepackt. *)

GRAD

36° „Jodelchörli-Stufe“ – jedes Chörli singt für sein Gefühl nicht unbedingt besser aber irgendwie anders als die Chörlis der Nachbargemeinden.
36,5° „Volkskirchen-Stufe“ – was wir glauben & vertreten, tun wir in besonderer Weise und irgendwie besser als andere.
Engagierte Katholiken finden in ihrer Kirche das „bessere“, umfassendere Christentum. Evangelische Kirchen finden ihr Christentum dem der ersten Christen näher.
37° „Freikirchen-Stufe“ – unser Glaube wäre im Grunde für alle der bessere, daher missionarischer, aktiver, andern gegenüber programmatischer.
37,5° „Fundamentalisten-Stufe“ – unser Glaube hat die Wahrheit ergriffen, die schlicht, einfach, vollkommen ist, uns fehlerfrei vor Augen liegt, keine Zweifel zulässt und für alle gilt!
38° „Fehlerfreie Gemeinde“ – nicht nur die Wahrheit, die wir im Glauben vertreten, ist absolut und fehlerfrei, sondern auch die religiöse Organisation zu der wir gehören, steht über aller Kritik.
Einwände gegenüber der Gemeinde- oder Kirchenleitung sind undenkbar oder völlig deplaziert. Wer nicht zu uns gehört, geht verloren.
39° „Arche Noah“ – Wir ziehen uns von der untergehenden Welt zurück ins sichere Boot unserer Gemeinschaft. Das nahe Weltende wird all die bestrafen, die nicht eingestiegen sind.
40° „Belagerte Festung“ – Allmachts- und Verfolgungswahn befällt uns; wir kämpfen zuerst mit Anwälten gegen die böse uns bedrohende Welt, anschliessend auch mit Detektiven, mit Überwachungsanlagen und im äussersten Fall sogar mit Waffen.
41° „Heavens-Gate-Stufe“ – Die Angriffe der Welt, die Ängste der eigenen Seele und die Wahnvorstellungen unserer Meister treiben uns in die Überzeugung, dass es jetzt Zeit ist, diese Welt zu verlassen

*) hpb (Hans Peter Bertschi) nach Prof.Dr.Georg Schmid, in Informationsblatt Juli 2000 Nr 1 und 2

Charismatischer und pietistischer Fundamentalismus

Fundamentalismus ist eine ideologische Haltung, welche die unbequeme, aber für eine demokratisch orientierte Gesellschaft wichtige Frage, wer bestimmt, was gilt, von vorneherein mit einem bestimmten Lehrdogma, mit der Kompetenz bestimmter Personen oder mit bestimmten Methoden der Erkenntnisgewinnung beantwortet und die daraus abgeleiteten Lehrsätze als unfehlbar und absolut verbindlich erklärt. In der Verteidigung ihrer Charismatischer und pietistischer Fundamentalismus weiterlesen

Schwule und Lesben in der Schweiz

nzzonlinenzzarchiv

NZZ Monatsarchiv

Neue Zürcher Zeitung INLAND Samstag, 26.06.1999 Nr. 145  16

Schwule und Lesben in der Schweiz

Schritte auf dem Weg zu Anerkennung und Selbstbewusstsein

Gleichgeschlechtliche Liebe ist so alt wie die Menschheit. In Teilen Europas wurde sie vontotalitären Regimen verfolgt und verteufelt, in Amerika ist sie christlichen Fundamentalisten ein Dorn im Auge. Vor 30 Jahren wurde in New Yorks Bar Stonewall die neue Schwulenbewegung gegründet. Der Name steht auch für eine Kulturstiftung in der Schweiz, die stets als liberal galt, was die Akzeptanz von Lebensstilen angeht, wo heute gleichgeschlechtliche Paare aber weniger Rechte haben als im übrigen Europa. Das soll sich bald ändern.

He. Gleichgeschlechtliche Liebe hat in manchen Kulturen der Vergangenheit wie der Gegenwart sowie in der schönen Literatur längst ihren Platz. Dass die andere Liebe auch einer Neigung durchschnittlicher Menschen entsprechen kann und gelebt sein will, schockierte die Mehrheit deshalb nicht minder. Mit Bibelzitaten wurde belegt, dass homosexuelle Liebe gegen die Natur sei. Totalitäre Regime witterten Dekadenz, nicht zuletzt deshalb, weil die Reproduktionsleistung der Ehe bei gleichgeschlechtlichen Paaren ausbleibt.

Neue Themen

Im Zusammenhang mit der Aids-Epidemie bekamen die Homosexuellenorganisationen weltweit neue Aufgaben, und viele wurden neu gegründet. Aus zahlreichen lokalen Vereinen gingen in der Schweiz Pink Cross (Schwule) und Lesben- Organisation Schweiz (LOS) hervor. Die LOS, 1989 als Verein gegründet, will «die Vielfalt lesbischer Frauen, ihrer Biographien und Lebensentwürfe in der Gesellschaft sichtbar» machen. Zusammen mit Pink Cross setzt sie sich für die Realisierung gleicher Rechte für gleichgeschlechtliche Paare ein und hat dafür gekämpft, dass in den Antidiskriminierungsartikel der neuen Bundesverfassung die Bestimmung aufgenommen wurde, dass niemand auf Grund seiner Lebensform benachteiligt werden darf. Die mit über 6000 Teilnehmern bisher grösste Kundgebung der Minderheit, der immerhin etwa 5 Prozent der Bevölkerung angehören, gab sich 1997 das Motto «Lesben und Schwule in guter Verfassung».

Info-Hotline und Internet-Auftritt sind für die verschiedenen Organisationen und Projekte eine Selbstverständlichkeit. Neben dem politischen Lobbying zeigt auch das 1996 gegründete Network für schwule Führungskräfte, wie die Schaffung von Organisationen die homosexuelle Emanzipationsbewegung stützt.

Vertreten sind die Lesben- und die Schwulenbewegung mit je einem Mitglied im 1996 geschaffenen Fonds für bedürftige Opfer des Holocaust. Überlebende der Nazi-Verfolgung werden dazu ermuntert, ihre Ansprüche einzufordern, was bisher in zwei Fällen mit Erfolg geschehen ist.

Kulturelle Manifestationen

Vor zehn Jahren wurde in Basel die Stiftung Stonewall gegründet, deren Name an den New Yorker Auftakt zur modernen amerikanischen Schwulenbewegung am 26. Juni 1969 erinnert. Die Stiftung unterstützt kulturelle und wirtschaftliche Projekte. Sie ermöglichte einen Reprint des 1836 erschienenen zweibändigen Werkes «Eros – die Männerliebe der Griechen, ihre Beziehungen zur Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten» des Glarners Heinrich Hössli, von dem in der Schweiz noch ein einziges Exemplar aufzufinden war. Finanziert werden auch das Berner Filmfestival «Queersicht» und das Thurgauer Festival des schwulen Films sowie Theatergastspiele, Photoprojekte und Ausstellungen. So will man die in Berlin gezeigte – und von der Stiftung mit finanzierte – Retrospektive «Der Kreis» für Schweizer Städte übernehmen.

Die Basler Ausstellung «Männergeschichten» im Jahr 1988 hatte die Initialzündung zur Gründung der Stiftung Stonewall mit Sitz in Basel gegeben, deren – vorderhand bescheidenes – Kapital durch Spenden und Legate gespeist wird. Ein Stonewall Award wird in diesem Jahr zum drittenmal an ein Kulturprojekt vergeben.

Dokumentierte Emanzipationsbewegung

Seit 1993 werden Dokumente zur Geschichte der Homosexuellen in der Schweiz gesammelt und beim Zürcher Sozialarchiv, das als Partner des «Vereins Schwulenarchiv» gewonnen werden konnte, aufbewahrt. Nachlässe von Vereinen und von Einzelpersonen werden gesichtet und geordnet, Photoalben, Tagebücher, Briefwechsel sowie Flugblätter und Handzettel finden sich in der Sammlung. Raritäten wie das handschriftliche Protokollbuch der «Amicitia», der in Zürich nach Berliner Vorbild in den zwanziger Jahren gegründeten Schwulen- und Lesbenbewegung, sind hier deponiert (und nur in Kopie einzusehen). Dazu wird eine lückenlose Dokumentation von Zeitungsartikeln angelegt, die die letzten 15 Jahre umfasst. Das Schwulenarchiv wird im Sozialarchiv mit einer eigenen Signatur geführt und von Historikerinnen und Historikern bereits rege benutzt. Unter Datenschutz stehende Dokumente sind entsprechend gekennzeichnet und können nur mit Spezialgenehmigung eingesehen werden.

Im Hinblick auf die Möglichkeit, auch Kunstphotos und Bilder in das Archiv aufzunehmen, wird zurzeit die Gründung einer Stiftung erwogen. Neben dem Schwulenarchiv besteht eine Handbibliothek, die auch literarische Werke führt und die bei der Homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich (HAZ) konsultiert werden kann.

Von der Toleranz zur Rechtsgleichheit

Kulturelles und historisches Interesse für die eigene Lebensweise genügen aber nicht. Im Zentrum der homosexuellen Emanzipationsbewegung stehen seit Jahren Bestrebungen für eine Besserstellung im Alltag. Schon im Zusammenhang mit Aids waren es Mitte der achtziger Jahre zuallererst Homosexuelle, die sich neben gesundheitlichen auch mit rechtlichen Fragen – etwa Arbeitsrecht und Mietrecht – befasst haben. Für viele hat die Bedrohung durch die Epidemie überhaupt erst zu einem Coming out geführt. Der schwule Lebensstil wurde öffentlich diskutiert und gewann durch diese Präsenz auch an Selbstverständlichkeit, wenngleich anderseits erneut Verunglimpfungen ausgelöst wurden.

1992 stand die Sexualstrafrechtsreform an, im Zuge deren es um eine Senkung des Schutzalters für Lesben und Schwule auf jenes für Heterosexuelle zu kämpfen galt. Als im März 1994 die Dachorganisationen der Schwulen und Lesben ihre Petition «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare» einreichten, fanden sich unter den Erstunterzeichnern gegen 200 Persönlichkeiten aus Politik und Kultur. Die Liste der Diskriminierungen von Lebensgemeinschaften, die nicht auf einer traditionellen Ehe beruhen, ist noch immer lang.

Die Petition wurde dann 1996 in ein Postulat umgewandelt und an den Bundesrat weitergeleitet. Am 15. Juni 1999 gab das Justizdepartement endlich einen Bericht in die Vernehmlassung, in dem fünf Varianten von rechtlicher Besserstellung zur Diskussion gestellt werden (NZZ vom 16. 6.) von punktuellen Anpassungen im Ausländerrecht (homosexuelle Lebensgemeinschaften mit ausländischen Partnern werden durch die restriktive Erteilung der Aufenthaltsbewilligung stark beeinträchtigt), im Erb- und Versicherungsrecht über den Partnerschaftsvertrag (mit gegenseitiger Beistandspflicht und Miteigentum) bis zur Registrierung der Partnerschaft.

Mentalitätswandel

Vor der administrativ einfachsten Variante, der Öffnung des Instituts Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, die auch die Elternschaft durch Adoption oder unterstützte Fortpflanzung einschliessen würde, schrecken die Verfasser des Vernehmlassungspapiers aus Rücksicht auf das Empfinden vieler Bürgerinnen und Bürger noch immer zurück. Dass bei der repräsentativen Umfrage, die Pink Cross und LOS in diesem Mai veranlasst haben, sich nur mehr 21 Prozent der Schweizer Bevölkerung gegen eine registrierte Partnerschaft äussern und 53 Prozent eine eigentliche Heirat zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern befürworten, zeigt freilich einen beachtlichen Mentalitätswandel im Vergleich zu früheren Messungen an.

Zu den Manifestationen am heutigen Christopher Street Day in Erinnerung an die Gründung der Stonewall-Bewegung vor 30 Jahren werden in Zürich (Besammlung um 13.00 Uhr auf dem Helvetiaplatz) und Freiburg i. Ü. so oder so zahlreiche Teilnehmer erwartet.

© AG für die Neue Zürcher Zeitung NZZ 1999

Endlich normal?

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Endlich normal?

Zur Institutionalisierung homosexueller Partnerschaften

Deutschland, deine Sittlichkeit. Ein Hauch spätrömischer Zustände liegt über der Szene, seit die rot-grüne Bundesregierung ihren Entwurf eines Gesetzes vorgelegt hat, welches homosexuellen Paaren die Möglichkeit geben soll, sich vor dem Standesamt das Ja-Wort zu geben, einen gemeinsamen Namen anzunehmen, Steuervergünstigungen und Hinterbliebenenversorgungen zu erhalten. Eines Gesetzes, das für die dann in einem «Lebenspartnerschaftsbuch» beurkundete, sogenannte «eingetragene Lebenspartnerschaft» gegenseitige Fürsorge- und Unterhaltspflichten begründet, die Trennung der Paare erschwert (man muss dafür nun vor Gericht ziehen) und das auch sonst die homosexuelle Dauerbeziehung der heterosexuellen Ehe sehr, sehr ähnlich macht.

Von der Etablierung eines neuen «familienrechtlichen Instituts für gleichgeschlechtliche Paare» behaupten seine Urheber zwar mit Rücksicht auf das Grundgesetz, es wahre Abstand zur traditionellen Ehe. Volksmund und Presse aber rufen das Kind längst bündig beim Namen und stellen fest, nichts anderes als die Einführung der «Homo-Ehe» stehe bevor.

Wie soll man beschreiben, was hier geschieht? Einen «fatalen Schritt in die Degeneration» nannte der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba das geplante Gesetz. Das ist die Stimme der katholischen Orthodoxie, und von ihr dürfen wir ein solches Urteil wohl auch erwarten, aber zur Durchdringung der Lage fehlt es diesem Urteil denn doch an Soziologie. Eine Entwertung der Institution Ehe und damit die Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates, als deren «Keimzelle» die Ehe bekanntlich gilt, wittern konservative Familienpolitiker und Publizisten. Im Gegenteil!, erwidern liberale Geister. Wenn nun auch Homosexuelle nach standesamtlich besiegelter Zweisamkeit strebten, so bekunde sich darin ein Stabilitätsverlangen, das die Institution Ehe nicht schwächen, sondern stärken werde.

Paradoxien

Die Situation ist allerdings paradox. Auf den ersten Blick könnte man glauben, die linke Emanzipationsbewegung habe es nie gegeben, der Feminismus habe nie Radikalkritik geübt. Vergessen scheinen alle Einwände gegen die Ehe als Zwangsgemeinschaft, als Anstalt spiessbürgerlicher Erziehung zu Besitzgier und Eifersucht, als Repressionsinstrument, das die Frauen in die Abhängigkeit treibt und entmündigt. Vorbei die Zeit, da der mächtigste Verband der deutschen Homosexuellen seinen Mitgliedern ein «eindeutiges Bekenntnis zum Anderssein» abverlangte: «Reale Ausdrucksformen schwulen Lebens, die signifikant sind, wie offene und feste Partnerschaft unter Männern, Abenteuersexualität, Klappensexualität, anonymer Sex, Verletzung der Männlichkeitsnorm (Tuntigsein), sind zu benennen und zu bekennen.» In seiner heutigen Gestalt dagegen ist dieser Verband der aktivste Lobbyist für die Homo-Ehe. Gilt also, was der «Spiegel» für die Mehrheit der Lesben und Schwulen feststellt: «Jetzt ist Bürgerlichkeit angesagt»?

Der Satz kennzeichnet wohl eher eine Verschiebung in der allgemeinen Wahrnehmung. Die permissiven Linken unter den Homosexuellen sind keineswegs verstummt, vielmehr üben sie beissende Kritik am Integrationswillen ihrer eheliebenden Brüder und Schwestern. Nur findet man ihre Pamphlete nicht in den gängigen Medien, nicht einmal in der alternativen «taz», sondern muss sie in Periodika wie «Gigi – Zeitschrift für sexuelle Emanzipation» oder dem Online-Magazin «Siegessäule», einer Berliner Schwulenzeitung, suchen. Und was die Verbürgerlichung angeht, so gab es unter den Homosexuellen immer eine bürgerliche Mehrheit, die jedoch mit guten Gründen in Deckung blieb. Erst die endgültige Beendigung der strafrechtlichen Verfolgung, die Aids-Erkrankungen und das in den neunziger Jahren auf breiter Front vollzogene Outing homosexueller Prominenter haben der heterosexuellen Bevölkerung die Einsicht beschert, wie viele ihrer augenscheinlich braven Mitbürger gleichgeschlechtlichen Neigungen frönen: Nachbarn, Polizisten, Fernsehmoderatoren und Nachrichtensprecher, Schauspieler, Bundestagsabgeordnete und so fort.

Statt von Verbürgerlichung wäre besser von Normalisierung zu sprechen; einer Normalisierung im Sinne des Diskurstheoretikers Jürgen Link, der der Ansicht ist, dass «Normalität» in den modernen westlichen Gesellschaften zum höchsten Leitbild geworden ist. Link bezeichnet die Vorstellung von Normalität als «letzte regulative Idee» und meint, sie sei an die Stelle emanzipatorischer oder utopischer Werte getreten. Lauscht man der gegenwärtigen Diskussion um die Homo-Ehe, so wird man feststellen, dass sie ein ausgezeichneter Anwendungsfall für Links Theorie ist, denn wo immer die Kontrahenten aufeinander treffen, dreht sich ihr Disput alsbald um die Frage, wie normal oder anormal das
Ganze sei.

Normalität und Normativität

Das Tückische allerdings an Normalitätszuschreibungen ist, dass sie nur fliessende Übergänge kennen. Das unterscheidet die (statistisch ermittelte und medial kommunizierte) Normalität von der Normativität. Als es in Deutschland noch den Paragraphen 175 gab, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, besass man eine klärende Norm, die regelte, was als richtig und was als falsch zu gelten hatte. Heute fehlt sie, und das schafft, um mit Jürgen Link zu reden, «Denormalisierungsängste», da es dem Einzelnen schwerer wird, sich sozial und moralisch zu orientieren. Für die Empörungen, die das Gesetzesvorhaben zur Homo-Ehe begleiten, wäre es nicht die schlechteste Erklärung, sie als Fälle solcher Denormalisierungsangst aufzufassen.

Umfragen in Deutschland kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie in der Schweiz: Wie hier die Schaffung eines Instituts «registrierte Partnerschaft» mehrheitlich gutgeheissen, der Neudefinition der klassischen Ehe und ihrer Öffnung für schwule und lesbische Paare aber grosser Widerstand entgegengesetzt wird (NZZ 22. 6. 00), so begrüssen auch die meisten Deutschen die rechtliche Gleichbehandlung homosexueller und heterosexueller Lebensgemeinschaften in Einzelfragen (beim Recht auf ärztliche Auskunft über den erkrankten Partner, bei Miet- und Erbrecht, Rente und Steuern), schrecken aber vor einer Erweiterung des Ehebegriffs zurück. Die Lebensform «Ehe», mag ihr auch der Sozialcharakter homosexueller Partnerschaften bis aufs Haar angeglichen werden, bleibt für die allermeisten Menschen biologisch konnotiert – als Verbindung von Mann und Frau.

Sexualmoralische Vorbehalte also. Immer noch? Gewiss, und wie sollte es anders sein, schliesslich ist der Sexus in all seinen Triebregungen und moralischen Überformungen das grosse Spannungsfeld der An- und Abstossung, von Begehren und Abscheu. Aber man beachte, wie sich die Vorbehalte modernisiert haben. Auch heute ist Homosexualität nach herrschender Meinung nicht gleichwertig mit Heterosexualität. Sie ist nicht «genauso normal». Jedoch gelten Homosexuelle als gleichwertige Bürger, und als «nicht normal» würde es empfunden, ihnen staatsbürgerliche Rechte zu verweigern. Die Umfragen, die diese Haltung belegen, bekunden einen bemerkenswerten Schwund des Sexismus. Stets hat man Schwule und Lesben sexualisiert, hat ihr soziales Sein über ihre geschlechtliche Neigung definiert. Die exhibitionistischen Teile der Homosexuellenbewegung haben das Ihre dazu getan. Doch selbst wenn der Karneval am Christopher-Street-Day es weiterhin vermag, hie und da Bürgerschreck- Effekte zu erzielen, so ist doch die Ära der sexistischen Reduktion vorbei.

Zur «Aushöhlung» und «Entwertung» der bürgerlichen Ehe, um dazu noch eine winzige Bemerkung zu machen, braucht es die Homo-Ehe nicht. Das können andere Agenturen des Zeitgeistes besser. Ab Herbst präsentiert der Fernsehsender SAT 1 die Show «Wer heiratet den Millionär?», wo einem vermögenden Mann fünfzig heiratswillige Frauen vorgestellt werden. Nach mehreren Auswahlrunden soll er dann seine Zukünftige herausgefiltert haben und sie ehelichen. Spätkapitalistische Zustände? Beobachter könnten versucht sein, ihnen die «spätrömischen» glattweg vorzuziehen.

Joachim Güntner

Neue Zürcher Zeitung, 26. Juli 2000

© AG für die Neue Zürcher Zeitung NZZ 2000

QuerKreuz – Der Rundbrief der LSBK

Während 5 Jahren gaben wir das Heft «Querkreuz» heraus. Eigentlich sind die Ausgaben längst nicht mehr aktuell, werden aber immer noch gesucht.

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Stellungnahme von Udo Rauchfleisch

zur Broschüre: «Homo – Ehe?! Nein zum Ja-Wort» der Seelsorgeorganisation „Wüstenstrom“

Dr. Udo Rauchfleisch, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel Psychotherapeut in privater Praxis in Binningen, Schweiz

Vorbemerkung von Zwischenraum: Im September 2000 verteilte die Seelsorgeorganisation Wüstenstrom ihre Broschüre „Nein zum Ja-Wort – 8 Thesen zum Lebenspartnerschaftsgesetz“ mit einer Auflage von 45.000 Stück, um sich öffentlich gegen das Gesetz der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft auszusprechen und dadurch auch politisch Einfluss zu nehmen.

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