Kategorie-Archiv: Liturgische Texte

Das denkende Herz, die Tagebücher von Etty Hillesum

Gottesdienst LSBK vom 19. Februar 2012

Einführung zu “Das denkende Herz” die Tagebücher von Etty Hillesum 1941 – 1943

Etty Hillesum wurde am 15. März 1941 in Middelburg NL geboren. Ihr Vater war Gymnasiallehrer, ihre Mutter gebürtige Russin. Etty hatte zwei jüngere Brüder: Der eine, Mischa, war 1941 bereits ein gefeierter Pianist. Die Eltern waren Juden, unterrichteten aber die Kinder nicht spezifisch im jüdischen Glauben.

Nach Abschluss des Gymnasiums in Amsterdam 1932 bestand Etty zuerst ein juristisches Examen und studierte slawische Sprachen. Als sie ein Psychologiestudium begann, war bereits der 2. Weltkrieg im Gang. Um den Lebensunterhalt zu verdienen unterrichtete Etty russisch. Sie wohnte in Amsterdam mit 4 Freunden in einer WG. Im März 1941 begegnete Etty dem Psychochirologen Julius Spier, einem um Jahre älteren aus Berlin emigrierten Juden.

Mit diesem Datum beginnen Etty`s Tagebucheintragungen. Den Namen Julius Spier erwähnt Etty jeweilen mit S.
Schon die erste Begegnung beeindruckt sie tief. Sie beschreibt ihn mit “unglaublich klugen, uralten grauen Augen.” Er liest in Etty`s Händen, fördert ihr Selbstbewusstsein, zieht sie aber auch erotisch an. Etty geht zu seinen Lesungen und zu privaten Sitzungen. Seine Worte wie “Melodisch rollt die Welt aus Gottes Hand” oder der mit der Geste begleitete Satz:” Was hier sitzt” /zeigt auf Kopf), “muss von da kommen”, (zeigt auf das Herz) prägen sich tief in Etty ein. Sie wird Gottsucherin.

Am 15. Juli 1942 erhält Etty eine Stelle bei der “Kulturellen Abteilung” des Jüdischen Rates. Sie schreibt dort tausende von meist erfolglosen Bittbriefen. Anfangs August kommt ihr Aufruf, ins jüdische Lager Westerbork zu fahren. Etty will sich dem Schicksal der Juden nicht entziehen, wie andere Bekannte mit Suizid oder Untertauchen dies verhindert haben. Sie fährt ohne zu zögern, weiss bereits, dass Gott sie braucht, um andern Menschen Mut zu machen, dieses Leben zu ertragen. Sie erhält noch einige Male Urlaub, um nach Amsterdam zu fahren, einmal im September 1942 als S. gestorben ist. Von Westerbork schreibt sie später:

”Und dort in den Baracken voll aufgeregter und verfolgter Menschen habe ich die Bestätigung zu meiner Liebe zum Leben gefunden”.

Am 7. September 1943 wird Etty 29 jährig mit ihrer Familie auf den Transport ins KZ Auschwitz geschickt. Ihr Bruder Mischa hatte wegen seiner musikalischen Hochbegabung einen Dispens als “Kulturjude” erhalten, wollte aber erwirken, dass die ganze Familie gerettet würde. Der Dispens zerfiel und so kam die ganze Familie in die Güterwagen. Über Etty schrieb ein Freund später:” Sie hatte für jeden, der ihr über den Weg lief, ein liebes Wort und winkte am Ende fröhlich lachend.” Laut Bericht des Roten Kreuzes ist Etty am 30. November 1943 gestorben. Auch ihre Eltern und Brüder kamen im KZ Auschwitz ums Leben. Ihre Tagebücher konnte Etty im KZ einer Freundin übergeben. Es war ihr ein Anliegen, ihre Erfahrungen, Gedanken und Lösungen, die sie für ihr Leben gefunden hatte, andern Menschen mitzuteilen und ihnen damit zu helfen. Durch verschiedene Umstände liegen geblieben, kam das Buch erst 1981 in Holland und 1983 in 10 weitern Ländern heraus, und die Reaktionen auf “Das denkende Herz” waren überwältigend. 2010 ist die 22. Auflage als Rowohlt Taschenbuch erschienen.

Mich spricht Ettty`s Unbefangenheit gegenüber Gott an. Sie ist in keinerlei dogmatische Schemen und Vorschriften des jüdischen oder christlichen Glaubens verwickelt. Gott ist die allmächtige, liebende, helfende, stützende Macht und Kraft — immer und überall ! Etty stellt sich bedingungslos in die Reihe der Mitmenschen, ist weder überheblich noch egoistisch. Sie hat eine gesunde Eigenliebe und Freiheit des Handelns, sie liebt die Natur, ihre Freunde, S., ihre Familie, Worte des Dichters Rilke — übt sich aber realistisch in Askese auf die Entbehrungen der Zukunft indem sie auf Alltägliches verzichtet und ihre Muskeln trainiert. Sie lernt in der Entwicklung ihres Glaubens, Angst und Zweifel überwinden und Feinde zu lieben.

Hanni


Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott,
das Geheimnis unserer Herkunft,
in Ehrfurcht vor dem Geschaffenen
und in Verantwortung für das Geschaffene,
das wir nicht selber gemacht haben.

Ich glaube an Jesus Christus,
das Geheimnis unserer Gegenwart.
Er wurde verstossen, weil er alle liebte.
Er lebt überall dort,
wo wir seinen Weg fortsetzen.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
das Geheimnis unserer Zukunft.
Durch ihn erfahren wir,
dass echter Fortschritt möglich ist.
Durch ihn verstehen wir
unsere Umwelt und uns selber besser.

Ich glaube, dass trotz allem,
was uns dunkel bleibt,
kein Leben verloren geht.


Ein ,guter Mensch‘ am Höllentor

Die Hölle war total überfüllt, und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schliesslich musste sich der Teufel selbst herausbegeben, um die Bewerber fortzuschicken. „Bei mir ist alles so überfüllt, dass nur noch ein einziger Platz frei ist.“, sagte er. „Den muss der ärgste Sünder bekommen. Sind vielleicht ein paar Mörder da?“ Da forschte er unter den Anstehenden und hörte sich deren Verfehlungen an. Was auch immer sie ihm erzählten, nichts schien ihm schrecklich genug, als dass er dafür den letzten Platz in der Hölle hergeben mochte. Wieder und wieder blickte er die Schlange entlang. Schließlich sah er einen, den er noch nicht befragt hatte.

„Was ist eigentlich mit ihnen – dem Herrn, der da für sich alleine steht? Was haben sie getan?“ „Nichts“ sagte der Mann, den er so angesprochen hatte. „Ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier. Ich habe geglaubt, die Leute würden hier um Zigaretten anstehen.“ „Aber sie müssen doch etwas getan haben“, sagte der Teufel. „jeder Mensch stellt etwas an.“ „Ich sah es wohl“, sagte der ,gute Mensch‘, „aber ich hielt mich davon fern. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, aber ich beteiligte mich niemals daran. Sie haben Kinder hungern lassen und in die Sklaverei verkauft; sie haben auf den Schwachen herumgetrampelt. Überall um mich haben Menschen von Übeltaten profitiert. Ich allein widerstand der Versuchung und tat nichts.“ – „Absolut nichts?“, fragte der Teufel ungläubig. „Sind sie sicher, dass sie das alles mitangesehen haben?“ „Vor meiner Tür“, sagte der ,gute Mensch‘. „Und nichts haben sie getan?“ wiederholte der Teufel. „Nein!“ „Komm herein mein Sohn, der Platz gehört dir!“ Und als er den ,guten Menschen‘ einließ, drückte sich der Teufel zur Seite, um nicht mit ihm in Berührung zu kommen.
(Quelle unbekannt)


Wer bin ich? (Dietrich Bonhoeffer)

Aus dem Gottesdienst vom 20. Februar 2005
Die fett gesetzten Zeilen werden von der Gemeinde gelesen, die anderen vom Liturgen.

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich?
Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!


Die Liebe

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

1. Kor 13:4-8


Leiden an der Religion

Im Namen Gottes wird unsere Leiblichkeit verteufelt.
Im Namen Gottes werden wir mit Schuldgefühlen und Angst beladen.
Im Namen Gottes werden anders Denkende und anders Glaubende herabgesetzt.
Im Namen Gottes werden anders Fühlende und anders Liebende ausgegrenzt.
Im Namen Gottes werden Kulturen zerstört.
Im Namen Gottes werden Kriege geführt.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.

Gelesen im „Kreuzweg durch Basel“ 2003


Die Segnung des Brotes

1. Stimme
Im Anfang war Gott,
Im Anfang die Quelle von allem, was ist,
Im Anfang die Sehnsucht: Gott.
Gott – die Stöhnende,
Gott – die in Wehen liegende,
Gott – die Gebährende,
Gott . die Jubelnde,
Gott, voller Liebe für ihr Geschöpf,
sprach: Es ist gut!

2. Stimme
Dann hielt Gott zärtlich die Erde im Arm,
wissend, dass alles Gute geteilt sein will.
Gott sehnte sich nach Verbundenheit.
Gott wollte die gute Erde teilen mit anderen,
und die Menschheit ward geboren aus Gottes Verlangen.
Wir wurden ins Leben gerufen, die Erde zu teilen.
In der Erde war Samen,
im Samen war Korn,
im Korn war Ernte,
in der Ernte war Brot,
im Brot war Kraft.

3. Stimme
Und Gott sprach:“Alle sollen von der Ernte essen.
Alle sollen vom Samen essen,
alle sollen vom Korn essen,
alle sollen vom Brot essen,
alle sollen von der Kraft leben.“
Gott sprach: „Ihr seid mein Volk.
Meine Freundinnen, meine Freunde,
meine Geliebten,
meine Schwestern, meine Brüder.
Ihr sollt alle essen vom Brot
und von seiner Kraft leben.
Alle sollen essen und leben.“

4. Stimme
Und dann nahm Gott all ihren Mut in Liebe zusammen und sagte:
„Es werde Brot!“
Und Gottes Schwestern, ihre Freundinnen und Freunde
knieten sich auf die Erde hin,
pflanzten den Samen, beteten um Regen,
sangen Lieder auf das Korn,
brachten die Ernte ein,
droschen das Korn mahlten das Mehl,
kneteten den Teig, machten das Feuer an,
und die Luft füllte sich mit dem Duft frischen Brotes.
Und es ward Brot!
Und es war gut.

5. Stimme
Wir, Gottes Schwestern und Brüder, sagen heute:
Alle sollen vom Brot essen
und von der Kraft leben.
Wir sagen heute:
Alle sollen Kraft haben und Brot.
Heute sagen wir:
Es soll Brot geben und Kraft!
Wir wollen vom Brot essen
und aus der Kraft leben.
Carter Heyward, New York 1984

Schöpfung

Im Anfang war Gott,
im Anfang die Quelle von allem, was ist,
im Anfang die Sehnsucht: Gott.

Gott – die stöhnende,
Gott – die in Wehen liegende,
Gott – die gebärende,
Gott – die jubelnde,
Gott, voller Liebe für ihr Geschöpf,
sprach: Es ist gut

Dann hielt Gott zärtlich die Erde im Arm,
wissend, dass alles Gute geteilt sein will.
Gott sehnte sich nach Verbundenheit.
Gott wollte die gute Erde teilen mit andern,
und die Menschheit ward geboren aus Gottes Verlangen.
Wir wurden geboren, die Erde zu teilen.

Carter Hayward


Das Leben ist eine Chance

Das Leben ist eine Chance, nutze sie
Das Leben ist Schönheit, bewundere sie
Das Leben ist Seligkeit, genieße sie
Das Leben ist ein Traum, mach daraus Wirklichkeit
Das Leben ist eine Herausforderung, stell dich ihr
Das Leben ist eine Pflicht, erfülle sie
Das Leben ist ein Spiel, spiele es
Das Leben ist kostbar, geh sorgfältig damit um
Das Leben ist ein Reichtum, bewahre ihn
Das Leben ist Liebe, erfreue dich an ihr
Das Leben ist ein Rätsel, durchdringe es
Das Leben ist ein Versprechen, halt es
Das Leben ist Hymne, singe sie
das Leben ist ein Kampf, kämpfe ihn
Das Leben ist eine Tragödie, ringe mit ihr
Das Leben ist ein Abenteuer, wage es
Das Leben ist Glück, verdiene es
Das Leben ist Leben, verteidige es

Mutter Theresa