Archiv der Kategorie: Nachrichten

Kurt Marti gestorben

wo chiemte mer hi wenn alli seite wo chiemte mer hi und niemer giengti fur einisch z’luege wohi dass mer chiem we me gieng.

Zyt isch nid zahl nid schtrecki
Zyt isch es löcherbecki
Wo scho nach churzem ufenthalt
Dr mönsch z’dürab i d’unzyt fallt.

Gestern Samstag starb der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti 96-jährig.  Er ist auch auf unserer Website mit Gedichten und Gedanken vertreten.

Ich habe zwei Nachrufe gefunden: Im Tagesanzeiger von Res Strehle und bei SRF.ch von Felix Schneider.

EuroForum 2017 Conference, Gdansk Registration Open

Dear friends,

We are happy to finally open the registration for the EuroForum 2017 Conference that will take place in Gdansk, Poland, on 24-28 May. The title of this year’s conference is „Forwards in Solidarity.“ This event that will take place in the cradle of Polish Solidarność trade union and Central/Eastern European democratic changes will allow us to re-discover what this well-known and somehow dusty word means for us as a movement, for our groups, and for us individually as LGBT Christians. Even though looking at the world around us today makes one certain that solidarity is still a challenge and ‚work-in-progress,‘ it is our choice to continue to believe in the power of this, in fact, truly Christian value.

And just to give you a taste of what it will be like in Gdansk in May 2017, let us mention several aspects and ways solidarity will be present at our conference (along with our usual workshops and AGM).

  • In the times of increasing attention to and awareness of the intersectionality challenge for the work of our movement, we will be delighted to have our friends and allies from partnering organisations present at our conference!
  • The conference itself will be hosted jointly by European Forum member group Wiara i Tęcza (Faith and Rainbow) and Tolerado, a secular LGBT organisation from Gdansk.
  • As a sign of solidarity with the LGBT people of faith, Gdansk Equality Week 2017 is focused on the issues of spirituality. So first half of our Saturday programme will take the shape of a public conference with workshops and a panel discussion at the magnificent European… Solidarity Centre!
  • As a sign of visible and active solidarity with the whole LGBT movement we will take part in Gdansk Equality March on Saturday, 27 May (that’s why, unlike in the usual order of business at our conferences, our AGM will take place on Friday!).
  • Almost every day during the conference we will have a chance to get to know the history of queer Gdansk. Believe it or not, but Solidarność movement history has its rainbow pages, and walking tours around LGBT Gdansk will allow us to locate those places and personalities on the map of that beautiful city.
  • Since this year, when the world celebrates the 500th anniversary of the Reformation, Kirchentag events in Germany will take place the very same week as our conference, some of us will have to make the difficult decision to split our time between the two events and arrive to Gdansk just for the weekend (see so-called Kirchentag options A/B in the registration form below). Though this is not an ideal solution, we intend to see it as an opportunity to express our fellowship and stand together with our friends, supporting each other and celebrating each other.
  • And last but not the least, our unceasing way of expressing solidarity is the Forum Agape Fund. At this conference that takes place so close to eastern borders of Europe, we aim to bring in as many participants from underprivileged contexts and groups as we can. And for this we need your generous contributions. Even a very small donation is a sign of solidarity put into practice!

And while we are looking forward to welcoming you in Gdansk this May, please proceed to the registration form: https://form.jotformeu.com/70194132980354.

On behalf of the Organising Team and the Board of the European Forum,

Misha Cherniak

Und GOTT sah, dass es sehr gut war

Katholische LSBT-Menschen aus Europa erzählen ihre Geschichten

„Die Geschichten der 34 LSBT-Katholik_innen in diesem Buch werden Ihr Leben verändern“, versichert Schwester Jeannine Gramick in ihrer Einleitung. Hier finden Sie 34 persönliche Geschichten zu sechs Themen: Familie, Ist der Katholizismus Heimat?, Ein religiöses Leben, Eine lange Reise, Bedeutende Erlebnisse und Einsatz für Verständnis und Akzeptanz. Die lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen und die Autor_innen, die sich in die binäre Geschlechterordnung nicht einordnen können, sind zwischen 20 und 80 Jahren alt und leben in 13 europäischen Ländern: Albanien, Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Malta, Niederlande, Norwegen, Polen, Russland, Spanien und Tschechien. Diese Geschichten sollen leise oder laut gelesen werden und zwar von allen Menschen – religiös oder nicht, LSBT oder nicht. Die Autor_innen teilen ihre Geschichten darüber, LSBT und katholisch zu sein, um dazu beizutragen, Bewusstsein, Verständnis und Akzeptanz für LSBT-Katholik_innen zu fördern, und die Wege derer zu ebnen, die noch daran arbeiten, wie sie LSBT- und Katholisch-Sein gleichzeitig leben können.

Und GOTT sah, dass es sehr gut war Book Cover Und GOTT sah, dass es sehr gut war
Hazel Barnes, Sandra Taylor
Theologie und Homosexualität
Esuberanza
2016
Taschenbuch
224
978-9088830211 (Amazon)

Arbeitskreis Regenbogenpastoral im Bistum Basel

Seit dem Sommer 2016 gibt es im Bistum Basel neu den Arbeitskreis Regenbogenpastoral:

Egal, wen wir lieben und wie wir uns identifizieren – wir alle wollen angenommen sein. Ob wir homo-, bi- oder heterosexuell sind, ob das uns bei Geburt zugeschriebene Geschlecht wirklich unseres ist oder nicht, ein erfülltes Leben wünschen wir uns alle. Leben in Fülle wurde uns versprochen. Dieses möglich zu machen, sind wir gemeinsam auf dem Weg.

Der Arbeitskreis Regenbogenpastoral im Bistum Basel steht für wertschätzende und willkommen heissende Seelsorge für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*personen (LSBT), sowie ihre Angehörigen und Freund_innen.

Unsere Schwerpunkte sind:

  • Bildung und Begegnung an verschiedenen Orten des Bistums
  • Grundlagen zur Regenbogenpastoral entwickeln
  • spirituelle Begleitung für Trans*personen, homo- und bisexuelle Menschen, sowie deren Angehörigen, und Freund_innen vermitteln
  • Hauptamtliche und Freiwillige im Bistum Basel beraten und vermitteln
  • bestehende Angebote im Bereich der Regenbogenpastoral vernetzen

Ein Teil der Vernetzung ist der Newsletter, der sechs Mal jährlich erscheinen wird. Zu bestellen bei: hc.ua1487808766graah1487808766tak@e1487808766krib.1487808766ennas1487808766us1487808766. Gern auch weiterleiten!

Make Love: Ein Aufklärungsbuch

Ein neues, zeitgemässes Standardwerk zum Thema Sex für die Generation Neon. Ständig und überall werden Jugendliche heute mit Sex und Pornografie konfrontiert. Aber was sie dabei erfahren, hilft ihnen nicht, eine eigene gute Sexualität zu entwickeln. Es ist höchste Zeit für ein modernes Aufklärungsbuch, das für Jugendliche geschrieben ist, aber auch von Erwachsenen gerne gelesen wird. Make Love rollt das Thema Aufklärung neu auf. Das Buch ist ein Leitfaden für junge Menschen, Spass am Sex zu haben. Es gibt den neuesten Forschungsstand wieder und kennt keine Tabus! Alles, was den Jugendlichen täglich begegnet, kommt zur Sprache, Pornolügen werden aufgedeckt, Leistungsdruck und Ängste rausgenommen. So wird Sex wieder schwerelos, lustvoll und innig. Und weil Worte allein nicht alles sagen, hat sich die Fotografin Heji Shin auf die Suche nach jungen Paaren gemacht, die sie für das Buch fotografiert hat. Ihre Bilder zeigen Intimität, ohne voyeuristisch zu sein, sie zeigen junge Menschen so, wie sie heute aussehen. Ein ehrliches, anregendes Buch, das der nächsten Generation zu einem schönen Sexleben verhilft.

Make Love: Ein Aufklärungsbuch Book Cover Make Love: Ein Aufklärungsbuch
Ann-Marlene Henning
Junge Leute
Rogner & Bernhard
2012
Gebunden
256
978-3-95403-002-6
9783954030170 / B012U7RRWE

„Orlando“ – eine Nachlese

Nach der grässlichen Schiesserei am 12. Juni 2016 im „Pulse“ in Orlando waren 50 Opfer zu beklagen: 49 Besucher dieses „gayfriendly“ Nachtclubs und der Täter.

Interessant was sich danach in den Medien tat.

#Pray for Orlando

Nach dem Angriff auf Charlie Hebdo waren die sozialen Medien innert Stunden «schwarz»: Alle Welt war «Charlie». Und nachdem ich hörte, was im Supermarkt Hyper Cacher passiert war, ergänzte ich: «Je suis juif». Nach den Anschlägen auf das Stade de France teilten weltweit 70 Millionen Menschen den Slogan «Pray for Paris».
Auch ich.

Als nun der Mordanschlag auf schwule Männer und lesbische Frauen in Orlando öffentlich wurde, sprachen Politiker und Journalistinnen von einem «Anschlag auf unseren Lebensstil» oder auf die «offene Gesellschaft». Aber der Slogan «I am Gay» oder «I am Lesbian» oder «I am Orlando» fand sich äusserst selten. Und in den weltweiten Beileidsbekundungen sucht man die Worte «Lesben», «Schwule» oder «Homophobie» fast überall vergeblich. Klar, sowas traut sich niemand zu sagen. Ein solcher Slogan klingt ja wie ein Coming Out, obwohl er eigentlich eine notwendige Solidaritätskundgebung wäre. Leider vermute ich aber noch etwas anderes: Mit diesem Anschlag wurden Menschen getroffen, die – immer noch – zweifelhaften Rufes sind. Sie mögen zwar in manchen Staaten vor allem der westlichen Welt in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein, aber ihren Namen zu nennen, sich mit ihnen zu solidarisieren, das ist etwas «gaaanz» anderes. Immerhin war es ja eine «Schwulenbar»: Sind sie vielleicht selbst schuld, wenn sie dorthin gehen? Als Opfer sind diese Menschen schon ok. und dürfen auch bedauert werden. Aber ihr Lebensstil? Nein, das geht dann zu weit.

Homosexualität wird immer noch – bis weit in unsere Kirche hinein – distanzierend apostrophiert. Wenige wagen es, die Selbstbezeichnung «Schwule» und «Lesben» selbstverständlich und ohne Unterton auszusprechen. Sobald Homosexualität diskutiert wird, öffnet sich ein Fächer, der von entspannter Akzeptanz über den politisch korrekten Politsprech bis hin zu kaum verhohlenem Ressentiment, ja gar bis zu hasserfüllter Ablehnung reicht. Weltweit ist das eigentlich nur bei einer anderen Minderheit gleich: Bei den Juden.

Es verwunderte mich also überhaupt nicht, dass ein jüdisch israelischer Freund mir in der Nacht des Attentats schrieb: «Meine Gedanken sind bei dir. Immer zielen diese Gewalttäter entweder auf mein Volk oder auf deines. Warum nur? Wann wird die Welt begreifen?». Er ahnte nur, was wirklich stimmte: Es waren meine Schwestern und Brüder, die da ermordet wurden. In dieser Nacht neigte ich mich zur Komplet, für einmal mit geballter Faust. Dieser Text berührte mich besonders: «Geschwister, seid nüchtern und wachsam; denn der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er zerstöre. Du aber, Herr, erbarme dich unser.» Ja, lasst uns nüchtern und wachsam sein .

Frank Lorenz


Zuerst veröffentlicht im „Kirchenboten“ Basel-Stadt Nummer 13/14 Juli/August 2016.

Stellungnahme zum Thema „Ehe und Adoption für gleichgeschlechtliche Paare“ von reformierten Theologiestudent_innen und Theolog_innen

Wir erhielten diese E-Mail am 26.8.2015

Sehr geehrte Damen und Herren

Das Thema „Homosexualität, Ehe und Familie“ schlägt derzeit hohe Wellen in Medien und Gesellschaft. Nicht selten sind es Stimmen aus christlichen Kreisen, die sich zurückhaltend oder gar kritisch zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen und der damit verbundenen Frage der Eheschliessung und Adoption äussern. Wir möchten an dieser Stelle aus reformiert-theologischer Perspektive eine entschieden andere christliche Stimme hörbar machen.

Wir, das sind reformierte Theologiestudent_innen – vornehmlich aus der theologischen Fakultät der Universität Bern – und Theolog_innen. Als Christ_innen sehen wir es als unsere Aufgabe an, für unsere Ansichten Zeugnis abzulegen. Deshalb haben wir gemeinsam eine Stellungnahme verfasst, die Sie im Anhang dieses Schreibens finden. Für weitere Fragen wenden Sie sich gerne an *geschützte Adresse*.

Uns geht es darum, dieser Debatte theologisch fundierte Argumente dafür zu liefern, was aus unserer Sicht ‚christlich‘ bedeutet, nämlich auf der Seite des Lebens zu stehen. Mehr dazu finden Sie im erwähnten Text.

Für eine gesellschaftlich und auch politisch zielführende Debatte ist es wichtig, dass auch diese unsere Stimme gehört wird. Wir würden uns deshalb sehr darüber freuen, wenn Sie unser Anliegen berücksichtigen und in die Diskussion einbringen.

Freundliche Grüsse und im Namen der Unterzeichnenden

Tobias Zehnder

Die Stellungnahme geht unter anderem an:
Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK), Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn (RefBeJuSo), Schweizerische Evangelische Allianz (SEA), reformiert., ref.ch, Radio Life Channel, kath.ch, LOS – Lesbenorganisation Schweiz, Pink Cross, Regenbogenfamilien Schweiz, Operation Libero, Amnesty International Schweiz, Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Berner Zeitung (BZ), Der Bund, Tagesanzeiger.

Die Stellungnahme: Gemeinsames Wort

Zehn Gründe gegen die Homo-Ehe

MONO FUNFACT präsentiert 10 Gründe warum man die Homo-Ehe verbieten sollte. Alles natürlich sehr wissenschaftlich, sehr fundiert und sehr ernst gemeint.

Quelle: http://www.huffingtonpost.de/nora-j/10-gruende-warum-die-ho mo-ehe-verboten-gehoert_b_6501570.html

Wir waren uns nicht sicher, ob wir Copyrights verletzen, deshalb haben wir den Text gelöscht und verweisen auf die Originalseite bei der The Huffington Post

 

Endlich normal?

nzzonlinenzzarchiv

Endlich normal?

Zur Institutionalisierung homosexueller Partnerschaften

Deutschland, deine Sittlichkeit. Ein Hauch spätrömischer Zustände liegt über der Szene, seit die rot-grüne Bundesregierung ihren Entwurf eines Gesetzes vorgelegt hat, welches homosexuellen Paaren die Möglichkeit geben soll, sich vor dem Standesamt das Ja-Wort zu geben, einen gemeinsamen Namen anzunehmen, Steuervergünstigungen und Hinterbliebenenversorgungen zu erhalten. Eines Gesetzes, das für die dann in einem «Lebenspartnerschaftsbuch» beurkundete, sogenannte «eingetragene Lebenspartnerschaft» gegenseitige Fürsorge- und Unterhaltspflichten begründet, die Trennung der Paare erschwert (man muss dafür nun vor Gericht ziehen) und das auch sonst die homosexuelle Dauerbeziehung der heterosexuellen Ehe sehr, sehr ähnlich macht.

Von der Etablierung eines neuen «familienrechtlichen Instituts für gleichgeschlechtliche Paare» behaupten seine Urheber zwar mit Rücksicht auf das Grundgesetz, es wahre Abstand zur traditionellen Ehe. Volksmund und Presse aber rufen das Kind längst bündig beim Namen und stellen fest, nichts anderes als die Einführung der «Homo-Ehe» stehe bevor.

Wie soll man beschreiben, was hier geschieht? Einen «fatalen Schritt in die Degeneration» nannte der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba das geplante Gesetz. Das ist die Stimme der katholischen Orthodoxie, und von ihr dürfen wir ein solches Urteil wohl auch erwarten, aber zur Durchdringung der Lage fehlt es diesem Urteil denn doch an Soziologie. Eine Entwertung der Institution Ehe und damit die Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates, als deren «Keimzelle» die Ehe bekanntlich gilt, wittern konservative Familienpolitiker und Publizisten. Im Gegenteil!, erwidern liberale Geister. Wenn nun auch Homosexuelle nach standesamtlich besiegelter Zweisamkeit strebten, so bekunde sich darin ein Stabilitätsverlangen, das die Institution Ehe nicht schwächen, sondern stärken werde.

Paradoxien

Die Situation ist allerdings paradox. Auf den ersten Blick könnte man glauben, die linke Emanzipationsbewegung habe es nie gegeben, der Feminismus habe nie Radikalkritik geübt. Vergessen scheinen alle Einwände gegen die Ehe als Zwangsgemeinschaft, als Anstalt spiessbürgerlicher Erziehung zu Besitzgier und Eifersucht, als Repressionsinstrument, das die Frauen in die Abhängigkeit treibt und entmündigt. Vorbei die Zeit, da der mächtigste Verband der deutschen Homosexuellen seinen Mitgliedern ein «eindeutiges Bekenntnis zum Anderssein» abverlangte: «Reale Ausdrucksformen schwulen Lebens, die signifikant sind, wie offene und feste Partnerschaft unter Männern, Abenteuersexualität, Klappensexualität, anonymer Sex, Verletzung der Männlichkeitsnorm (Tuntigsein), sind zu benennen und zu bekennen.» In seiner heutigen Gestalt dagegen ist dieser Verband der aktivste Lobbyist für die Homo-Ehe. Gilt also, was der «Spiegel» für die Mehrheit der Lesben und Schwulen feststellt: «Jetzt ist Bürgerlichkeit angesagt»?

Der Satz kennzeichnet wohl eher eine Verschiebung in der allgemeinen Wahrnehmung. Die permissiven Linken unter den Homosexuellen sind keineswegs verstummt, vielmehr üben sie beissende Kritik am Integrationswillen ihrer eheliebenden Brüder und Schwestern. Nur findet man ihre Pamphlete nicht in den gängigen Medien, nicht einmal in der alternativen «taz», sondern muss sie in Periodika wie «Gigi – Zeitschrift für sexuelle Emanzipation» oder dem Online-Magazin «Siegessäule», einer Berliner Schwulenzeitung, suchen. Und was die Verbürgerlichung angeht, so gab es unter den Homosexuellen immer eine bürgerliche Mehrheit, die jedoch mit guten Gründen in Deckung blieb. Erst die endgültige Beendigung der strafrechtlichen Verfolgung, die Aids-Erkrankungen und das in den neunziger Jahren auf breiter Front vollzogene Outing homosexueller Prominenter haben der heterosexuellen Bevölkerung die Einsicht beschert, wie viele ihrer augenscheinlich braven Mitbürger gleichgeschlechtlichen Neigungen frönen: Nachbarn, Polizisten, Fernsehmoderatoren und Nachrichtensprecher, Schauspieler, Bundestagsabgeordnete und so fort.

Statt von Verbürgerlichung wäre besser von Normalisierung zu sprechen; einer Normalisierung im Sinne des Diskurstheoretikers Jürgen Link, der der Ansicht ist, dass «Normalität» in den modernen westlichen Gesellschaften zum höchsten Leitbild geworden ist. Link bezeichnet die Vorstellung von Normalität als «letzte regulative Idee» und meint, sie sei an die Stelle emanzipatorischer oder utopischer Werte getreten. Lauscht man der gegenwärtigen Diskussion um die Homo-Ehe, so wird man feststellen, dass sie ein ausgezeichneter Anwendungsfall für Links Theorie ist, denn wo immer die Kontrahenten aufeinander treffen, dreht sich ihr Disput alsbald um die Frage, wie normal oder anormal das
Ganze sei.

Normalität und Normativität

Das Tückische allerdings an Normalitätszuschreibungen ist, dass sie nur fliessende Übergänge kennen. Das unterscheidet die (statistisch ermittelte und medial kommunizierte) Normalität von der Normativität. Als es in Deutschland noch den Paragraphen 175 gab, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, besass man eine klärende Norm, die regelte, was als richtig und was als falsch zu gelten hatte. Heute fehlt sie, und das schafft, um mit Jürgen Link zu reden, «Denormalisierungsängste», da es dem Einzelnen schwerer wird, sich sozial und moralisch zu orientieren. Für die Empörungen, die das Gesetzesvorhaben zur Homo-Ehe begleiten, wäre es nicht die schlechteste Erklärung, sie als Fälle solcher Denormalisierungsangst aufzufassen.

Umfragen in Deutschland kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie in der Schweiz: Wie hier die Schaffung eines Instituts «registrierte Partnerschaft» mehrheitlich gutgeheissen, der Neudefinition der klassischen Ehe und ihrer Öffnung für schwule und lesbische Paare aber grosser Widerstand entgegengesetzt wird (NZZ 22. 6. 00), so begrüssen auch die meisten Deutschen die rechtliche Gleichbehandlung homosexueller und heterosexueller Lebensgemeinschaften in Einzelfragen (beim Recht auf ärztliche Auskunft über den erkrankten Partner, bei Miet- und Erbrecht, Rente und Steuern), schrecken aber vor einer Erweiterung des Ehebegriffs zurück. Die Lebensform «Ehe», mag ihr auch der Sozialcharakter homosexueller Partnerschaften bis aufs Haar angeglichen werden, bleibt für die allermeisten Menschen biologisch konnotiert – als Verbindung von Mann und Frau.

Sexualmoralische Vorbehalte also. Immer noch? Gewiss, und wie sollte es anders sein, schliesslich ist der Sexus in all seinen Triebregungen und moralischen Überformungen das grosse Spannungsfeld der An- und Abstossung, von Begehren und Abscheu. Aber man beachte, wie sich die Vorbehalte modernisiert haben. Auch heute ist Homosexualität nach herrschender Meinung nicht gleichwertig mit Heterosexualität. Sie ist nicht «genauso normal». Jedoch gelten Homosexuelle als gleichwertige Bürger, und als «nicht normal» würde es empfunden, ihnen staatsbürgerliche Rechte zu verweigern. Die Umfragen, die diese Haltung belegen, bekunden einen bemerkenswerten Schwund des Sexismus. Stets hat man Schwule und Lesben sexualisiert, hat ihr soziales Sein über ihre geschlechtliche Neigung definiert. Die exhibitionistischen Teile der Homosexuellenbewegung haben das Ihre dazu getan. Doch selbst wenn der Karneval am Christopher-Street-Day es weiterhin vermag, hie und da Bürgerschreck- Effekte zu erzielen, so ist doch die Ära der sexistischen Reduktion vorbei.

Zur «Aushöhlung» und «Entwertung» der bürgerlichen Ehe, um dazu noch eine winzige Bemerkung zu machen, braucht es die Homo-Ehe nicht. Das können andere Agenturen des Zeitgeistes besser. Ab Herbst präsentiert der Fernsehsender SAT 1 die Show «Wer heiratet den Millionär?», wo einem vermögenden Mann fünfzig heiratswillige Frauen vorgestellt werden. Nach mehreren Auswahlrunden soll er dann seine Zukünftige herausgefiltert haben und sie ehelichen. Spätkapitalistische Zustände? Beobachter könnten versucht sein, ihnen die «spätrömischen» glattweg vorzuziehen.

Joachim Güntner

Neue Zürcher Zeitung, 26. Juli 2000

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