Homosexualität und Bibel

Vortrag: von Bruder Nikolaj Bromberg, 2003-01-19
Gde.-Seelsorgedienst – Wittlich.

Liebe Brüder und Schwestern,
vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben,

vor kurzem bin ich auf ein Thema gestossen: «Homosexualität». Dabei habe ich festgestellt, dass es offenbar immer wieder zu – meiner Ansicht nach recht fruchtlosen, Diskussionen über die Auslegung der Bibel in Bezug auf HS kommt, wobei sich evangelikal angehauchte Christen bemühen, sich möglichst den Anstrich der «Bibeltreue» zu geben, wenn sie HS ethisch ablehnen. Um weiteren Wortschlachten ein bisschen den «Wind aus den Segeln» zu nehmen, gestatten Sie mir als Christlicher Seelsorger bitte ein paar Ausführungen, die ich als theoretische Folie verstanden wissen möchte, die jeder nutzen kann, der oder die weiterhin über die Frage nach der Bewertung der HS in der Bibel diskutieren möchten. Ich glaube aber, dass sich mit meinem heutigen Beitrag eigentlich «theologisch-betrachtet», jede weitere Diskussion erübrigt. Für die etwas umfangreichen Ausführungen entschuldige ich mich bei Ihnen allen im Voraus:

1. Der Begriff «Homosexualität» stammt aus dem medizinischen Theoriezusammenhang des 19. Jahrhunderts und es gab zuvor in keiner Gesellschaft, also auch der des antiken Judentums nicht, eine Bezeichnung für die Phänomenologie, die wir seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Neologismus der «Homosexualität» bezeichnen. Wie die kulturanthropologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte gezeigt hat, bestehen durchaus gravierende Unterschiede zwischen den biologischen, physisch-körperlichen, «per naturam» dem Menschen zu eignen Geschlechtsmerkmalen mit ihren Funktionsmöglichkeiten auf der einen, und den sozialen, kulturell geprägten, rechtlich kanonisierten oder negierten, jeweils historisch bedingten, Erscheinungsformen geschlechtlichen Verhaltens auf der anderen Seite. Jene historisch oder «kulturell» bedingten Ausdrucksformen geschlechtlichen Verhaltens umschreibt die englischsprachige Forschung mit dem Terminus «gender». Sie sind nicht genetisch festgelegt, ergo auch von Kultur zu Kultur, von Jahrhundert zu Jahrhundert in ihren Ausprägungen verschieden. Da der «Naturbegriff» der modernen Wissenschaften sich bei genauerem Hinsehen in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr als ein Konstrukt des Wissenschaftsdenkens des 18. Jahrhunderts entpuppt hat, ist nicht davon auszugehen, dass es sich bei den Neologismen des 19. Jahrhunderts (den Begriffen «Heterosexualität», «Homosexualität», «Bisexualität» etc.) um «biologisch» vorgegebene «Natürlichkeiten» handele, vielmehr ist von einem komplexen Geflecht soziokultureller Konstrukte auszugehen, die einem – vor dem Zeitalter der Aufklärung nicht greifbaren – Denken in dichotomen «sexuellen Identitäten» verpflichtet sind, Identitäten, die sich ihrerseits wiederum als Konstruktionen des Theoriezusammenhangs des 19. Jahrhunderts erweisen. Diesem Deutungsmuster von Sexualität liegt die Vorstellung zu Grunde, dass es eine «natürliche» Person des Menschen gäbe, nämlich die absurde Idee, dass das Handeln eines Menschen unmittelbar auf die Konstituierung seiner «Identität» abfärbe, dass der einzelne Mensch also durch sein Handeln zum Ehemann, zum Homosexuellen etc. erst gemacht werde. Geistesgeschichtlich wurde dieses Ideen-Konzept von der Reformation vorbereitet und erreichte seinen Durchbruch in der bürgerlichen Sexualethik des 19. Jahrhunderts, die schließlich auch die kleinbürgerliche Zivilehe hervorgebracht hat, eine Lebensform, die vor 1875 in Deutschland rechtlich nicht greifbar ist. Erst jetzt ist der Homosexuelle der Moderne «geboren», erst jetzt beginnen sich Männer, die sich, in welcher Weise auch immer, erotisch oder sexuell zu Männern hingezogen fühlen, selbstreflektierend als «homosexuell» zu bezeichnen und zu definieren. Noch dem höfischen Menschen des 18. Jahrhunderts war einderartiges Denken völlig fern, da das Denkmuster der «sexuellen Orientierung» völlig unbekannt war. Dennoch ist dessen ungeachtet völlig klar, dass als anthropologische Konstante sexuelle Kontakte zwischen Menschen desselben Geschlechts zu allen Zeiten und in allen Kulturen, über die wir schriftliche Aufzeichnungen besitzen, stattgefunden haben (und auch Verbote zeigen ja, dass es stattgefunden hat. Was nicht existiert, das braucht auch niemand zu verbieten!). Sexuelle Kontakte zwischen Männern scheinen also eine «conditio humana» zu sein. Nur hat eben dieses sexuelle Verhalten der Menschen früherer Epochen mit dem sozio – kulturellen und gesellschaftlichen Phänomen des Lebensstils moderner, sich selbstreflektierend als «homosexuell» einstufender Männer der Jetztzeit, – wie gesagt, vor dem 19. Jahrhundert nicht greifbar – nur noch ganz am Rande oder gar nicht mehr zu tun.

2.) Und hier gelangen wir nun zum Kern der theologischen Diskussion bezüglich HS: Frappierend ist nun, dass die Bibelstellen, die von den verschiedenen Diskutanten im Zuge der Frage um die ethische Einschätzung von HS im Christentum herbeigebracht werden, erst durch einen methodischen und leicht durchschaubaren Kunstgriff einen gemeinsamen Zusammenhang erkennen lassen, nämlich den Kunstgriff, völlig verschiedene, aus mehreren Jahrhunderten stammende, von verschiedenen Autoren verfasste, in divergierenden Sprachen niedergelegte (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch) Textstellen (Gen. 19; Lev. 20; 1. Röm, 1. Tim, 1. Kor.) unter dem modernen- im 19. Jahrhundert «erfundenen» – Signum der «Homosexualität» oder «homosexueller Praktiken» zusammenzufassen und daraus einen scheinbaren Zusammenhang zu konstruieren, der überhaupt erst unter dem Blickwinkel einer modernen Brille einen Sinn ergibt. Da die neutestamentlichen Zeitgenossen «Homosexualität» als soziales Konzept nicht kannten, nicht kennen konnten, so konnten sie auch schwerlich einen kausalen Zusammenhang zwischen der Sodomgeschichte, den Vorschriften des Buches Leviticus oder den «arsenokoitais» im Ersten Timotheusbrief herstellen.

Nun zu den einzelnen Bibelstellen:

1.) Hier ist fraglich, Gen.19, 4, 5, 8: Die Einwohner der kanaanäischen Stadt Sodom wollen die männlichen Gäste im Hause Lots vergewaltigen. Dass es sich hierbei nicht um «Homosexualität» in dem Sinne handeln kann, was wir seit dem 19. Jahrhundert darunter verstehen, ergibt sich schon aus dem Angebot Lots (Gen. 19, 8), welches er an die potentiellen Vergewaltiger stellt: «Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne, die will ich herausgeben, tut mit ihnen, was euch gefällt». Hielt Lot diese Männer für Homosexuelle im Sinne von zwei miteinander lebendenden erwachsenen Männern? Wohl kaum, denn wie sollte es sich erklären, dass dem Homosexuelle, die gerade zur Ausübung sexueller Gewalt schreiten wollen, von eben dieser Tat abzubringen versucht, das man ihnen Frauen als «Ersatz» anbietet? Die ganze Szene erinnert eher an einen im «Alten Orient» durchaus üblichen Fall ritueller Vergewaltigung fremder Eindringlinge, völlig unabhängig von Kategorien wie «sexueller Identität». Hier scheinen Männer, die erotisch ansonsten Frauen zugesprochen zu haben scheinen – denn wieso glaubt Lot sonst, seine Töchter könnten die Sodomiter von ihrem Ansinnen ablenken? – sich an Fremden rituelle vergreifen zu wollen. Es erscheint kulturhistorisch und darüber hinaus theologisch unmöglich, zwischen einer versuchten Ritualvergewaltigung, die in der Kultur des Alten Orients des zweiten Jahrtausends v. Chr. fußt, einerseits, und dem Lebensstil sich selbstreflektierend als «homosexuell» definierender heutiger Männer andererseits, einen Zusammenhang herzustellen. Hinzu kommt die auffällige Vermutung, dass diese Männer ansonsten offenbar Frauen bevorzugt zu haben scheinen, also mit homosexuellen Männern der Gegenwart nichts gemein haben. Diese Stelle ist also für die Frage nach der ethischen Bewertung der HS bedeutungslos.

2.) Hier ist fraglich, Lev. 20, 13. Diese Stelle hat nun für Christen perse überhaupt keine Relevanz mehr, da sie dem Kontext der Gesetzlichkeit des Alten Bundes angehört. Bei den gesetzlichen Bestimmungen des AT (Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium) handelt es sich nicht um christliche, sondern um rein exklusiv jüdische Texte, denen nichts, aber auch NICHTS, «Christliches» zu entnehmen ist. Sie wurden Jahrhunderte vor dem Erscheinen Christi als fleischgewordener Hypostase des dreifaltigen «Logos» verfasst und geraten der Art häufig in Konflikte mit den Aussagen Jesu in den Evangelien, dass an ihrer Erfüllung durch Jesu selbst gar kein Zweifel existieren kann. Für Christen hat aber das Wort Jesu Vorrang vor den Gesetzen des Alten Bundes, zumal Jesus ja auch ständig mit den Pharisäern und Hohepriester über die Aufrechterhaltung der Vorschriften in Konflikt gerät. Sein ständiges «ich aber sage euch….» zeigt ziemlich deutlich auf, dass er in vielem durchaus nicht konform ging mit der traditionellen Deutung der Thora, die von den Pharisäern aufrechterhalten wurde. Diesen Komplex könnte man auch anders mit der absoluten «Unmöglichkeit für Christen» umschreiben, nach dem eschatologischen Heilsgeschehen um Christi Passion und Auferstehung noch an den Gesetzen des Alten Bundes festhalten zu wollen. Im Übrigen hat der heilige Apostel Paulus im Galaterbrief (Gal. 3) selbst festgehalten, dass niemand durch das Gesetz gerechtfertigt werden kann und dass Christus uns vom Fluch des Alten Gesetzes befreit hat: «Dass aber durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott ist offenbar…Christus aber hat uns erlöst vom Fluch des Gesetzes, da es ward ein Fluch für uns» (Gal. 3,11-13). An die Stelle der Gesetzesklauberei der Pharisäer tritt als einziges Gebot von Jesus selbstformuliert die Menschen- und Nächstenliebe (Mk. 12, 29-30), die aber, wenn sie konsequent sein will, alle Mitmenschen, also auch gleichgeschlechtlichliebende – mit einschließen muss, andernfalls ist sie keine «echte» Menschenliebe im Sinne der Bergpredigt, die uns sogar die Feindesliebe eingibt. Die Gesetzlichkeit des Alten Bundes wird also durch die «Philanthropia» des Neuen Bundes ersetzt, welche sich schon in dem Akt der Fleischwerdung Gottes in der Person Jesu Christi selbst offenbart. Für Christen hat die Gesetzlichkeit des Alten Bundes also keine Relevanz mehr, andernfalls Jesus Christus, keinen Sinn mehr macht. Denn wenn man sich das Heil durch die buchstabengetreue Befolgung der Gesetze des Alten Bundes «verdient» – wie dies die Pharisäer wollten – so braucht man keinen Erlöser mehr, der die Sünden der Menschheit am Kreuz auf sich nimmt, da man bei der wortgetreuen Einhaltung aller mehr als 600 Gebote und Untergebote theoretisch gar nicht sündhaft würde. Ergo ist die Einhaltung der Vorschriften des Buches Leviticus im Christentum ein Widerspruch in sich – ja «geradezu unchristlich». Lev. 20, 13 erledigt sich daher von selbst.

3.) Hier sind fraglich: 1. Röm. 1, 27 und 1. Tim. 1, 10. Der Urheber des Ersten Römerbriefes ist der heilige Apostel Paulus, der Verfasser des 1.Briefes an Timotheus ist unbekannt. Der Autor schreibt zwar unter dem Namen des Apostels Paulus, theologische und sprachliche Forschungen haben jedoch ergeben, dass der Brief wahrscheinlich erst um das Jahr 90 oder 100 in einer frühchristlichen Gemeinde abgefasst wurde. Im Ersten Römerbrief bezieht sich Paulus auf den Zorn des Herrn über das Handeln der – in ihrer Religion verharrenden – paganen Griechen und Römer. Zur Strafe für diesen Unglauben hat Gott, so argumentiert Paulus, diese Heiden der fleischlichen Begierde anheim fallen lassen, unter anderem hätten Personen gleichen Geschlechts «geschlechtliche Schande» – im griechischen Urtext finden wir den Terminus «aschämosünäs» – begangen. Im Ersten Timotheusbrief ist von «arsänokoitais», also von solchen Personen männlichen Geschlechts die Rede, die «mit Männern oder Knaben Unzucht getrieben haben». Denn bei genauerem, kulturgeschichtlichen, Hinsichten zeigt sich, dass sich die von Paulus verurteilten Erscheinungsformen antiken Sexuallebens unmöglich auf den Lebensstil homosexueller Männer der Gegenwart beziehen lassen, die unter dem Vorzeichen gegenseitiger Annahme und Achtung als Paar zusammenleben. Die beiden genannten Bibelstellen stehen im Zusammenhang mit kulturell und historisch bedingten Ausprägungen des Geschlechtlebens der hellenistischen, paganen Griechen und Römer. Im Zentrum dessen, was Paulus und der Autor des 1. Tim verurteilen, stand der sexuelle Verkehr mit – in vielen Fällen minderjährigen – Sklaven, also Unfreien, die gegen ihren Willen mit sexuellem Verhalten konfrontiert wurden. Man könnte auch sagen, eine «Form sexuellen Missbrauchs in der Antike». Die Verurteilung dieser inzwischen verschwundenen und ergo völlig obsolet gewordenen Ausprägungen antiken Sexuallebens ohne das Zugeständnis eines historischen Wandels auf die Jetztzeit zu übertragen und daraus konkrete Handlungsvorgaben für unsere heutige Gesellschaft ableiten zu wollen, erscheint jedoch theologisch völlig verfehlt. Sexueller Verkehr zwischen heidnischen Römern und Sklavenjungen im ersten Jahrhundert hat ebendeswegen nicht mit modernen «homosexuellen» Männern zu tun – noch dazu, wenn diese Christen sind – da die vielfältigen Erscheinungsformen sexuellen Verhaltens sich im Fluss befinden, von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Kultur zu Kultur divergieren. Paulus hat völlig recht, nur hat dies mit modernen homosexuellen Mitchristen nichts mehr zu tun, da diese keinen sexuellen Missbrauch mit Sklaven vollziehen.

4.) Für 1. Kor. 6, 9 gilt das gleiche wie für 1. Tim. 1, 10. Beide Textstellen verwenden den gleichen Begriff «arsänokoitais» und beziehen sich auf das gleiche Phänomen: Den sexuellen Umgang heidnischer Römer mit unfreien Sklavenjungen. Die durch den göttlichen «Logos» kreierte Sexualität des Menschen erscheint demzufolge zwingend als ein Plural und weniger ein Dual. So wie jeder Mensch, egal ob seine/ihre primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale ihn/sie nun als Mann oder Frau machen mögen, verschiedene Möglichkeiten und Dispositionen in sich tragen kann und trägt, so sind auch die sexuellen Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen vielfältig, wobei ihre konkreten Erscheinungsformen in verschiedenen Zivilisationen und zu verschiedenen historischen Phasen jeweils historisch und kulturell bedingt sind. Das «Panta rei» des alten Heraklit gilt nämlich auf dem Gebiet der Sexualität im Besonderen. Daraus erklärt sich auch, warum einzelne Erscheinungsformen von Sexualität, so z. B. der von Paulus verurteilte Umgang mit Sklavenjungen durch heidnische Römer, in unserer Gesellschaft unumstößlich der Vergangenheit angehören und sich auch nicht durch künstliche evangelikale «Kunststückchen» auf moderne homosexuelle Mitchristen anwenden lassen. Der «sexus» des Menschen hat sich demzufolge nur einer Vorgabe unterzuordnen: Nämlich dem «einen Wort Gottes», wie es der evangelische Theologe Karl Barth formulierte, welche im Wesen, Wirken und Reden Jesu Christi als wahrem Gott und wahrem Menschen auf Erden offenbar wurde. Dieser Gott Christus fordert aber von den Menschen nur den Glauben an seine Botschaft und freiwillige Aufnahme des «Logos» in das eigene Leben (Joh. 1). Er erfüllt durch seine Passion und Auferstehung die Gesetzlichkeit des Alten Bundes, also alle Gebote und Verbote, die in der Septuaginta niedergelegt sind und an deren Stelle als einzige Richtschnur des Glaubens die von Christus vorgelebte, verkündete und eingeforderte Menschenliebe steht, nach deren Maßstäben Jesus die Menschen misst (Mt. 5, 38-38; Lk. 6, 35,36; 7, 36-50; Joh. 15, 12-14; Mk. 12, 29-30). Durch die Befolgung dieses Christi wird der Mensch gerechtfertigt, so umfassenden Liebesgebotes wie die im 7. Kapitel des Lukasevangeliums erwähnte Prostituierte, die oftmals im sexuellen Sinne gegen den von den Pharisäern aufrechterhaltenen Moralkodex des Alten Bundes verstoßen hatte, durch ihre Liebe an Christus gerechtfertigt wurde, indem sie ihm die Füße salbte. „Vergeben sind ihr ihre vielen Sünden, denn sie hat viel geliebt, wer aber wenig liebt, dem wird auch wenig vergeben“ (Lukas, 7, 47). Dies gibt Jesus dem selbstgerechten Pharisäer Simon mit auf den Weg und damit zugleich deutlich, dass der Wesenskern der christlichen Botschaft, die es glaubend in sich aufzunehmen gilt, nicht die buchstabengetreue Einhaltung – auch im sexuellen Sinne – der Gebote des AT ist, sondern die Liebe zu den Menschen, welche sich jedoch nicht an sexual moralischen Bedingungen knüpft. Denn Jesus vergibt der Prostituierten in Lukas 7 bedingungslos, d. h. ohne weiteres, zukünftiges Verhalten im sexualmoralischen Sinne von ihr zu verlangen. Sie ist per se durch ihre Liebe gerechtfertigt – ihre Taten zählen vor Jesus nicht mehr. Sünde definiert sich demzufolge nicht sexualmoralisch, sondern allein ontologisch. Sie ist ein Zustand der Gottesferne, eine Auflehnung gegen die göttliche Philanthropie, da Gott ja die Menschenliebe selbst ist. Sünde ist das Vorbeileben und Vorbeiargumentieren an der von Christus verkündeten Nächsten- und Menschenliebe (Mk. 12, 29-30). Sünde ist der Zustand der Gottesferne, hervorgerufen durch das Fehlen von Mitmenschlichkeit und Menschenliebe, letztlich menschlicher Gemeinschaft. Auf sexuellem Gebiet bedeutet dies, dass Sünde stets mit Gewalt, Missbrauch und Zwang in Zusammenhang stehen muss. Nur dies allein kann sündhaftes Verhalten auf dem Gebiete der Sexualität hervorbringen. Alle Erscheinungsformen geschlechtlichen Verhaltens, welche geschehen, wenn zwei Menschen – welchen Geschlechts auch immer – in gegenseitiger, sich annehmender Liebe und Zuneigung zueinander finden, können per se keine Sünde sein. Hierbei zeigt sich erneut, dass er Eros zwischen Menschen des gleichen Geschlechts eine durch Gott ins Leben gerufene Schöpfungsvariante darstellt. Zudem wird die personale Integration gleichgeschlechtlicher Zuwendung in der Bibel durchaus auch positiv geschildert, siehe 2. Sam. 1, 26. Hinzu kommt, dass Jesus sich selbst an keiner Stelle der Evangelien in abwertender Form mit Blick auf Liebe zwischen Gleichgeschlechtlichen äußert. Und dies liegt nicht etwa daran, dass er stillschweigend mit den Vorgaben der Thora im Buch Leviticus konform ging – Lukas 7 zeigt mit Blick auf die Prostituierte ja gerade, dass dem nicht so war, sondern eben daran, dass im Zentrum seiner Lehre eben nicht mehr die Gesetzlichkeit des Alten Bundes, steht, wie aus dem Galaterbrief hervorgeht. Der kluge Kirchenvater Gregor von Nyssa sagte einmal recht zutreffend: «Entweder man nimmt die Bibel buchstabengetreu im Sinne einer Gesetzlichkeit, oder man nimmt sie ernst.» Im Zentrum hat aber dann die «Philanthropia» der Evangelien zu stehen, auf die allein es im Christentum – wenn es konsequent sein will – ankommt.

Bruder Nikolaj Bromberg

Arbeitet im Gemeinde-Seelsorgedienst
Wittlich www.gemeinde-seelsorgedienst-wittlich.de

Nachtrag

Uns wurde mitgeteilt, dass 2002 ein nahezu identischer Text von Andreas Mohr bei der HuK eingestellt worden sei.

Wir wissen nicht, wer jetzt wem abgeschrieben hat.