Seine Liebe zu verleugnen, heisst Gott zu verleugnen

Brigitte Hauser

Seine Liebe zu verleugnen, heisst Gott zu verleugnen

Kirchliche Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare

Sechswochenarbeit im Fach Praktische Theologie
(Homiletik und Liturgik)

Begleitet durch Prof. Dr. Albrecht Grözinger

Eingereicht an der Theologischen Fakultät
der Universität Basel
Sommer 1996

Vorwort des Webmasters

Seitdem Brigitte Hauser diese Arbeit geschrieben hat, ist – auch in der Schweiz – vieles vorwärts gegangen. Mehrere reformierte Kantonalkirchen haben haben Segnungsfeiern erlaubt (ZH, BE, SG, GR, BL, SH, ohne Gewähr auf Vollständigkeit) Eine Petition und einige eindrückliche Demos haben auch “Bern” in Marsch gesetzt, auf 2002 wurde ein Entwurf für eine “eingetragene Partnerschaft” versprochen.

Im Juni 2005 wurde in einer Volksabstimmung ein weitgehendes Partnerschaftsgesetz angenommen und auf 1. Januar 2007 eingeführt.

In den Niederlanden sind die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu fast 100% der Ehe gleichgestellt. Deutschland kennt seit dem 1. August 2001 die “Eingetragene Partnerschaft” nicht ganz richtig “Homo-Ehe” genannt. Die politischen Begleitumstände lassen auch für die Schweiz eine heftige politische Auseinandersetzung erwarten.

Dies soll nicht heissen, dass nun alles bereits erreicht worden wäre, und solche Texte obsolet worden wären. Die theologische Auseinandersetzung geht weiter, sie wird teilweise mit grosser Härte geführt. Gerade darum brauchen wir Studienarbeiten wie diese, die uns Argumentationshilfe leisten, theologisch sauber gearbeitet und erst noch gut verständlich geschrieben sind.

Ich habe darauf verzichtet, im Text irgendwelche Aktualisierungen vorzunehmen. Bei der Übertragung ins Web-Format wurden einige kleinere Layoutänderungen notwendig.

Die Autorin ist heute reformierte Pfarrerin, sie teilt sich eine Pfarrstelle mit ihrer Lebenspartnerin.
Einleitung
1.   Die Beziehung feiern
2.   Beweggründe für die Feier
3.   Veränderungen für das Paar durch die Feier
4.   Die Beziehung zu den Eltern
5.   Religiöse Aspekte
6. Die Kasualien sind für die Menschen da
7. Gottes Segen hängt nicht vom Trauschein ab
8. Drei Liturgien für gleichgeschlechtliche Paare im Vergleich
Segensgottesdienst für die Lebensgemeinschaft eines schwulen Paares in Bern
Partnerschaftssegnung in der Basisgemeinde MCC-Hamburg
Zeremonie für das Lebensbündnis eines lesbischen Paares
9. Schlussbetrachtungen
10. Literaturliste

Einleitung

In den letzten Jahren ist in westeuropäischen und nordamerikanischen Kirchen das Verhältnis der Kirchen zur Homosexualität und ihren homosexuellen Mitgliedern eine heftig und häufig diskutierte Frage.
[1] Besonders brennend wird die Frage in den reformierten Landeskirchen in der Schweiz immer dann, wenn die Homosexualität eines Pfarrers/einer Pfarrerin an die Öffentlichkeit gelangt, Lesben und Schwule eine kirchliche Segensfeier für ihre Partnerschaften begehren oder wenn sich Homosexuellenorganisationen mit Hilfe der Medien gegen die sich zur Berner Landeskirche zählende charismatische Laienbewegung “Basileia” wehren.
[2] Meines Wissens ist in keiner Landeskirche der Schweiz Homosexualität ein Grund, einen Theologen/eine Theologin nicht zu ordinieren. Ob allerdings offen homosexuell lebende PfarrerInnen eine Anstellung finden, hängt von der jeweiligen Kirchgemeinde ab. Sehr zögerlich und ängstlich verhalten sich die Landeskirchen aber  noch in bezug auf kirchliche Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare. Ich weiss von inoffiziellen kirchlichen Segensfeiern in den Kantonen Basel-Stadt, Graubünden und Zürich. Im Kanton Bern fand der erste offizielle Fürbittegottesdienst für ein gleichgeschlechtliches Paar im Juli 1995 statt. Erst zu diesem Zeitpunkt fingen die Kirchen an, wirklich ernsthaft über Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare nachzudenken.

Ziel meiner Arbeit ist aufzuzeigen, dass Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare einem Bedürfnis entsprechen und dass auf der christlichen Tradition beruhende Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare möglich sind. Die Arbeit bietet Anregung für PfarrerInnen und andere kirchlich Interessierte, die Situation homosexueller Paare in- und ausserhalb der Kirche zu überdenken. Die Arbeit soll darlegen, dass es keinen theologischen Unterschied zwischen einer kirchlichen Trauung und einer Paarsegnung gibt und genau so wenig eine ontologische Differenz zwischen homo- und heterosexuellen Paarbeziehungen. Darum will ich mit meiner Arbeit Kirche Mut machen, für homosexuelle Paare liturgische Räume zu öffnen.

Im ersten Kapitel gehe ich auf ein Buch aus den USA ein, in dem 27 lesbische Paare über ihre Beziehungsfeier sprechen. In einem zweiten Kapitel fordere ich Kirche auf, ihre Kasualhandlungen, insbesondere die liturgische Begleitung von Paaren, neuen gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen. In einem weiteren Kapitel denke ich über den Segen und das protestantische Eheverständnis nach. Zum Schluss vergleiche ich drei sehr unterschiedliche Liturgien, die bei kirchlichen Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare verwendet worden sind.

Die Frage, ob eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft in einem Gottesdienst gesegnet werden kann, hängt natürlich von unserem Verständnis der Homosexualität an sich ab. Wenn man Homosexualität als Krankheit oder Sünde definiert, braucht man sich gar nicht mit Segensgottesdiensten für gleichgeschlechtliche Paare auseinander zusetzen. Da ich weder eine exegetische noch eine ethische oder humanwissenschaftliche Arbeit schreibe, beschränke ich mich, dazu Literaturhinweise zu geben. Dennoch formuliere ich vorab einige Gedanken zu meinem Bibelverständnis.

Die biblischen Texte ernst zu nehmen heisst für mich, sie in ihrer Distanz zu unserer Welt, zu unserer Kultur ernst zu nehmen und von dem Missverständnis wegzukommen, dass man aus den Bibeltexten unmittelbar den Willen Gottes ablesen könnte. In einem Papier des Synodalrats der Kirchen Bern-Jura heisst es sehr treffend: “Mit Bibelstellen hat man die Verbrennung von Hexen, die Folter der Inquisition, die Kreuzzüge, die Verfolgung der Juden und die Unterdrückung der Frauen begründet. Jeder Gebrauch der Bibel, der darauf hinausläuft, dass Menschen benachteiligt werden, muss uns zutiefst misstrauisch machen.”
[3]
In sehr wenigen und nicht zentralen Bibelstellen des AT und des NT werden homosexuelle Praktiken verboten. Über gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen, wie wir sie heute kennen, sagen die biblischen Texte jedoch nichts. Menschliche Lebensformen, auch das Zusammenleben von Frau und Mann, unterliegen einem kulturellen und geschichtlichen Wandel. Es ist m.E. sinnlos, Legitimation für heutige gleichgeschlechtliche Paare in der Bibel zu suchen, wie das manchmal getan wird ( z.B. David und Jonathan, Ruth und Naomi, die “Verschnittenen”). Unsere heutigen Fragen lauten:
-Wie können homosexuelle Menschen würdig in einer heterosexuell dominierten Gesellschaft und Kirche leben? -Nehmen Kirche und Politik diese Partnerschaften ernst und eröffnen sie ihnen liturgische bzw. rechtliche Räume? Die Bibel hat ein Zentrum, nämlich die Gottes- und die Nächstenliebe. Ebenfalls ein zentraler Begriff für den jüdisch-christlichen Glauben ist die Gerechtigkeit. Jesus von Nazareth hat Menschen immer wieder verholfen, heil, d.h. in Übereinstimmung mit sich selbst zu leben. Von diesen Zentralpunkten des Glaubens her müssen alle, auch heterosexuelle Lebensformen zu jeder Zeit immer wieder neu überprüft werden. Ebenso dürfen für die Auslegung der Bibel bezüglich der Homosexualität weder die Erfahrungen von Lesben und Schwulen heute, noch die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse vernachlässigt werden. Die sexuelle Orientierung wird nicht gewählt, sondern sie ist eine tief in der Persönlichkeit verwurzelte Ausrichtung und gehört wesentlich zu einer Person. Homosexualität kann nicht “geheilt” oder korrigiert werden, ohne die Integrität einer Person zu verletzen.
[4]

1.   Die Beziehung feiern

Viele Menschen haben das Bedürfnis, ihre Partnerschaft mit einem Fest zu feiern. Für die meisten Paare – ob homo- oder heterosexuell – stellt ein solches Fest heute nicht mehr den Übergang von einem Lebensabschnitt zum andern dar. Es ist kein Passageritus. Der Auszug aus dem Elternhaus, die Aufnahme einer sexuellen Beziehung und die Eheschliessung fallen nicht mehr zusammen, so wie es früher zumindest gefordert wurde. Gerade in den letzten Jahren wuchs in den homosexuellen Gemeinschaften Nordamerikas und Westeuropas das Bedürfnis nach Partnerschaftssegnungen, Lebensbündnisfeiern, Segensgottesdiensten in- und ausserhalb der religiösen Institutionen. Die Feier einer Partnerbeziehung ist zwar an die Biographien der LebenspartnerInnen geknüpft, hat aber meist auch eine öffentliche und religiöse Dimension. Josuttis bezeichnet das Hochzeitsfest als Fest des Lebens, das die Alltagserfahrungen transzendiert. Weil das Leben nicht nur aus Liebe bestehe, führe das Ereignis von Liebe zum Fest. Und weil man das Fest nur feiern könne, indem man die Alltagserfahrung beiseite schiebe und verdränge, begebe man sich in den Raum der Religion, die die Hoffnung auf vollkommen gelungenes Leben offen halte.
[5] Paare drängt es also an ihrem Festtag zur Begegnung mit dem Religiösen und darum manchmal in die Kirchen. Denn sie ahnen, dass das Gelingen ihrer Beziehung nicht allein in ihren Händen liegt. Für ein gleichgeschlechtliches Paar stellt ein öffentliches Fest einen grossen Einschnitt in ihr Leben dar. Eine Lebensform – allzu oft in Verschwiegenheit und Heimlichkeit gelebt –  wird zu einem Fest. Eine Beziehung, der Familie und FreundInnen vielleicht mit Misstrauen begegnet sind, wird gemeinsam gefeiert. PartnerInnen – manchmal von Gefühlen der Scham und tiefen Verletzungen durch Ablehnung von aussen geplagt – erfahren Anerkennung und Freude an einem Fest. Mir scheint es unerlässlich, wenn man eine glaubwürdige Theologie betreiben will, von den Menschen und ihren Bedürfnissen auszugehen und nicht von universalen dogmatischen Lehrsätzen oder von Bibeltexten, die in einem anderen kulturellen Kontext und zu einer anderen Zeit entstanden sind. Theologie kann man nach meinem Verständnis nicht in einer Studierstube “machen”. Ich möchte deshalb von homosexuellen Paaren lernen, die ihre Beziehung gefeiert haben. Eine empirische Untersuchung würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen. Darum greife ich auf ein sehr eindrückliches Buch zurück. Die US-Amerikanerin Becky Butler hat 27 lesbische Paare – die meisten aus den USA – über ihre Beziehungsfeiern schreiben lassen. Die Paare äussern sich persönlich und offen über ihre Feier und ihre religiösen Ansichten. Die Situation in den USA, v.a. in Kalifornien, wo die meisten Feiern stattfanden, unterscheidet sich von der schweizerischen. Die kalifornische Gesellschaft ist noch pluralistischer und noch multikultureller als unsere. Einige Paare feierten nicht in einer Kirche oder Synagoge, weil sie mehr beeinflusst sind von östlichen Religionen, von der Göttinnen-Religion oder weil sie Elemente ihrer kulturellen Herkunft in die Feier einbringen wollten (Pazifikraum, Lateinamerika, Asien). Aber ausnahmslos alle Paare wollten mit ihrer Beziehungsfeier (Commitment Ceremony) die Rückbindung ihrer Paarbeziehung auf das Göttliche, auf das Heilige ausdrücken. Im folgenden möchte ich den Aussagen der lesbischen Frauen dieses Buches Raum geben und befrage sie auf vier Punkte:

  1. Welches waren die Beweggründe für die Feier?
  2. Was hat sich nach der Feier für das Paar oder die einzelne verändert?
  3. Welche Bedeutung hatte die Feier für die Beziehung zu den Eltern des Paares?
  4. Welche religiösen Aspekte spielten für die Feier eine Rolle?

2.   Beweggründe für die Feier

Für die meisten lesbischen Paare ist die Feier wichtig als Zeichen gegen aussen, als Selbstvergewisserung und als Ausdruck der Verbundenheit mit einer göttlichen Kraft. Vor den FreundInnen und der Familie zu einander zu stehen und auszudrücken, was die andere für sie ist, nämlich nicht bloss eine Freundin oder Wohnpartnerin, sondern die Geliebte und Lebenspartnerin, wird von den Frauen als Akt der Befreiung und Ehrlichkeit erlebt. Für viele war es ein sehr “natürlicher” Wunsch, ihre Liebe mit einem Fest zu feiern.

“By making a public  statement of my love and commitment to Marion, I was saying to others, and, perhaps more  important, to myself, that this was no flash in the pan, short-term affair: Marion would not be dumped by me when things became difficult. (…) The ceremony, and the commitment that came with it, was not a step we took lightly: we only did it once we were quite sure we had the basis for a long-term, loving relationship.”
[6]

“I think that for me it was also a way to validate that my feelings were real: to make very clear what this relationship was. Since we were relatively closeted at the time, we became distinctly aware of how many lies are involved to stay in the closet. That had seemed all right in our previous relationships since they had only been ‘special friendships’, but once you actually name something, then I don’t think you can really lie about it anymore. Words are very powerful to our subconscious selves. When you constantly hear yourself answering questions by saying, ‘No, I’m not married’, or ‘Yes, I’m single’, somewhere in your subconscious, you believe you’ re really not married – that if this relationship doesn’t work out, you’ll just go on  to the next one.”
[7]

Die meisten Paare wollten mit der Feier bei FreundInnen und der Familie grössere Akzeptanz und grösseren Respekt für ihre Beziehung erwirken. Einige Paare erhofften sich Stabilität für ihre Beziehung. Sie wollten öffentlich aussprechen, dass sie in guten und schlechten Tagen zusammen gehören und auch Unterstützung von FreundInnen und Familie dafür erwarten. Einige Paare hatten Mühe mit den Begriffen Ehe, Heirat, Hochzeit, weil bei diesen zu viel “patriarchaler Ballast” mitschwingt oder weil mit diesen Ausdrücken Beziehungen aufgewertet werden sollen, die keiner Aufwertung bedürfen, da sie schon an sich wertvoll sind. Andere Paare haben bewusst eine ganz traditionelle Hochzeit gewählt, weil sie sich in keiner Weise von heterosexuellen Paaren unterschieden fühlen. Einige Paare wünschten die Feier wegen der Kinder, die sie gemeinsam aufziehen.

“I think that in some ways having Kaitlin played a part in wanting to have a ceremony. We would have done it anyway, but with Kaitlin there I felt even more like I wanted us to be seen as a couple and also as a family.”
[8]

3.   Veränderungen für das Paar durch die Feier

Keines der Paare bereute die Feier. Sie gab ihnen Kraft, um Konflikte in der Beziehung auszuhalten und nicht bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Sie ermöglichte den Paaren Selbstvergewisserung, Selbstannahme und das Wissen darum, dass ihre Partnerschaft wertgeschätzt ist. Die Feier half, die Akzeptanz der Partnerschaft bei FreundInnen und der Familie zu erhöhen. Sie hatte einen integrativen Charakter. Menschen mit verschiedenen Hintergründen waren versammelt und feierten zusammen die Beziehung. Die Feier bedeutete für einige Paare Befreiung, Erlösung und Überwindung der Scham, lesbisch zu sein.

“When I read back over our ceremony or watch the video, I am repeatedly touched by the love. Nancy and I were able to stand up in front of all those people and be completely open to each other and to others. We had finally laid down – outside somewhere – the last remnants of our shame, and we were able to rejoice.”
[9]

4.   Die Beziehung zu den Eltern

Einige Paare entschieden sich, ihre leiblichen Familien nicht zum Fest einzuladen, weil sie annahmen, dass diese mit der Feier nicht zurecht kämen. Sie wollten sich an ihrem Beziehungsfest nicht um verletzte Gefühle ihrer Familienmitglieder kümmern. Andere luden ihre Eltern und Familien ein, aber diese kamen nicht. Das hat natürlich Verletzungen ausgelöst. Manche Eltern wohnten der Feier bei und empfanden diese als wichtiges, schönes, die Beziehung zu ihrer Tochter klärendes Ereignis. Auch bei den abwesenden Eltern hat die Feier einen Prozess des Nachdenkens ausgelöst und nachträglich zu einer besseren Verständigung zwischen der lesbischen Tochter und ihren Eltern geführt.

“Since then she’s asked (die Mutter) a million questions about it. She and my dad once sat down with us, and we showed them our wedding slides. I’ve also shown her the invitation, and she wants me to take  her to the church where we had the ceremony. I think she feels like not being there was a real loss. That was a big point in my life, and I feel like she’s trying to put the pieces together to make it real for her. ”
[10]

5.   Religiöse Aspekte

Viele lesbische Paare wollten mit ihrer Partnerschaftsfeier ihre Verbundenheit mit einer göttlichen Kraft ausdrücken. Mit der Feier sollte gezeigt werden, dass ihre Partnerschaft Teil der guten Schöpfung Gottes und Teil einer religiösen Tradition ist. Sie wünschten sich Gottes Segen für das Wachstum und zum Schutz ihrer Beziehung. Sie wollten in einer religiösen Feier die Begegnung mit der Partnerin als Geschenk Gottes deuten. Nur wenige Paare hatten tatsächlich eine kirchliche Feier. Aber einige, die in einem privaten Raum feierten, hatten eine Pfarrerin/einen Pfarrer dabei. Den Kontakt zu einer geistlichen Person beschrieben die Paare als wertvoll und hilfreich. Die Paare, die in einer Kirche oder Synagoge feierten, taten das fast ausschliesslich in einer MCC-Kirche oder Gay-Synagoge.
[11]  Diese Tatsache deute ich so, dass die Paare für ihre Feier einen Ort wählten, der ihnen ein Stück Heimat bot, zu dem sie eine Beziehung hatten. Die traditionellen Kirchen waren schlicht nicht in ihrem Blickfeld. Nur ein Paar feierte in seiner Herkunftskirche, einer Quäker-Gemeinde, von der es viel Unterstützung erhielt. Viele Paare hatten Feiern in privaten Räumen oder im Freien und füllten sie mit multireligiösen Inhalten. Andere Paare verwendeten in der Liturgie biblische Texte oder Texte feministischer Theologinnen. V.a. jüdischen Paaren war eine Feier mit traditionellen jüdischen Hochzeitselementen wichtig.

“One thing I cherish from our ceremony is the part where we say, ‘To deny one another is to deny God’. It really defines the price of hiding. To us losing God means losing the best part of yourself.”
[12]

“The traditional Quaker vow begins with, ‘In the presence of God and these our friends …’. And both parts of that felt important to me. I wanted to make that commitment before my spiritual community and before the Spirit.”
[13]

“Part of wanting a real church wedding was also because I wanted the ceremony to have a spiritual component. For me , getting married includes a spiritual commitment (…). The presence of that religious aspect denotes a certain seriousness to me.”
[14]

Die Beziehung zu feiern ist also nicht nur ein unbestimmtes religiöses Bedürfnis lesbischer oder schwuler Paare. Der Wunsch, die Beziehung zu feiern, ist bei gleichgeschlechtlichen Paaren kein unüberlegter Akt oder ein “Nachäffen” der heterosexuellen Hochzeit, sondern entspringt dem Glauben an die Liebe und der Hoffnung, diese Liebe in Würde leben zu können. Eine Segensfeier bringt etwas in Gang, eröffnet Zukunft für das Paar, die FreundInnen und die Familien. Sie hat einen befreienden, sinnstiftenden und erlösenden Charakter. Sie ermöglicht religiöse Erfahrung und das Leben der Beziehung auch in schwierigen Zeiten.

Es sprechen also v.a. drei Gründe für Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare.

  1. Die Bindungszeremonie kann für das Paar selber, aber auch für seine FreundInnen und seine Familie ein Zeichen sein, dass dauerhafte Liebesbeziehungen zwischen homosexuellen Menschen möglich sind, obwohl es nur wenige Vorbilder gibt. Das Wissen, dass seine Familie und FreundInnen zu seiner Partnerschaft stehen, stärkt das Paar. Eine Segensfeier hat einen integrativen Charakter. Es wird ausgedrückt, dass das Paar Teil der Gemeinschaft von Familie und FreundInnen ist und auf ihre Unterstützung zählen kann.
  2. Das Vertrauen, dass die Partnerschaft unter dem göttlichen Segen steht, dass man in seiner Beziehung in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes lebt, wirkt motivierend und gibt Kraft für den Beziehungsalltag.
  3. Die Beziehung mit einem Fest zu feiern, verhilft zur Wertschätzung der eigenen Partnerschaft gegenüber. Ein Fest der Liebe setzt Energie und Begeisterung frei. Es schafft Erinnerungen, die immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden können.
    [15]

 

[1] In meiner Arbeit verwende ich die Begriffe Lesben und Schwule, weil sie die Selbstbezeichnungen von Lesben und Schwulen sind. Homosexualität/homosexuell verwende ich als Gegenbegriffe zu Heterosexualität/heterosexuell. Der Begriff Homophilie ist mir unsympathisch. Erstens spricht man auch nicht von Heterophilie, zweitens ist er nahe bei der Pädophilie, drittens ist er ungenau. Freundschaftliche Beziehungen zu Menschen des eigenen Geschlechts pflegen doch die meisten Menschen.

[2] Diese führt seit einigen Jahren, v.a. an ihren Pfingstkongressen “Heilungsveranstaltungen” für Homosexuelle durch. Homosexuelle sollen zu Heterosexuellen umgepolt werden oder zumindest sexuell abstinent leben.

[3] Evangelisch Reformierte Kirchen Bern-Jura, Gleichgeschlechtlichkeit 3.

[4] Besonders erhellend für die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse finde ich das Buch des an der Uni Basel  lehrenden Psychoanalytikers Udo Rauchfleisch, Schwule, Lesben, Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten, Göttingen 1994.

Zum Thema gesunde und pathologische Religion empfehle ich das Buch des schwulen Ex-Jesuiten und Psychotherapeuten John J. McNeill, “Sie küssten sich und weinten …” (siehe Literaturliste).

Ebenso empfehlenswert zum Thema Homosexualität und Kirche sind die Bücher von Hans-Georg Wiedemann, Homosexuell. Das Buch für homosexuell Liebende, ihre Angehörigen und ihre Gegner, Stuttgart 1995 (V.a. exegetisch interessant darin ist das Kapitel von Rainer Stuhlmann 107-122);

Barbara Kittelberger/Wolfgang Schürger/Wolfgang Heilig-Achneck (Hrg.), Was auf dem Spiel steht. Diskussionsbeiträge zu Homosexualität und Kirche, München 1993 (Exegetisch interessant darin ist der Beitrag von Wolfgang Stegemann 262-285);

Monika Barz/Herta Leistner/Ute Wild (Hrg.), Hättest du gedacht, dass wir so viele sind? Lesbische Frauen in der Kirche, Stuttgart 1987 (mit einem ausgezeichneten exegetischen Beitrag der Neutestamentlerin Bernadette J. Brooten 113-138).

Zum  Thema Homophobie  empfehle ich: Beverly W. Harrison, Die neue Ethik der Frauen. Kraftvolle Beziehungen statt blossen Gehorsams, Stuttgart 1991 (v.a. das Kapitel Frauenfeindlichkeit und Furcht vor Homosexualität 103-133).

[5] Vgl. Josuttis, Traugottesdienst 60f.

[6] Butler, Ceremonies 151.

[7] a.a.O. 174f.

[8] a.a.O. 245.

[9] a.a.O. 219.

[10] a.a.O. 177.

[11]
Eine wichtige Kirche für Lesben und Schwule in den USA und teilweise in Europa ist die “Universal Fellowship of Metropolitan Community Churches” (MCC), die von Pfarrer Troy Perry 1968 in den USA gegründet wurde, nachdem er wegen seines Schwulseins aus seiner Pfingstkirche ausgeschlossen worden war. Die MCC ist m.E. eine sehr traditionelle, stark strukturierte Kirche mit einem konservativen Glaubensbekenntnis. In Europa gibt es MCC-Kirchen in Grossbritannien, Paris und Hamburg.

[12] a.a.O. 255.

[13]a.a.O. 245.

[14] a.a.O. 135.

[15] Besonders homosexuelle Beziehungen werden in einer heterosexuellen Umwelt allzu oft als problem-behaftet wahrgenommen, häufig auch vom Paar selbst. Zudem ist das Entdecken der eigenen Homosexualität in den wenigsten Fällen mit Freude verbunden, eher mit Gefühlen der Angst, der Schuld und der Scham. Auch reagieren die meisten Eltern kaum mit überschwänglicher Freude auf die gleichgeschlechtliche Partnerschaft ihres Kindes. Oft werden sie ebenso von Schuldgefühlen geplagt und brauchen ihre Zeit, ihre lesbische Tochter/ihren schwulen Sohn zu akzeptieren. Ein Fest könnte dabei helfen. Vgl. J.J. McNeill, Sie küssten sich (v.a.das Kapitel über Schuldgefühle 70-90).

6.   Die Kasualien sind für die Menschen da

Viele Menschen kommen nur noch über die Kasualien mit Kirche in Berührung. Soziologische Studien belegen, dass Kirche im Bewusstsein der Menschen der postmodernen Gesellschaft als Ort, wo getauft, konfirmiert, getraut und beerdigt wird, verankert ist. Die Kirche wird v.a. bei besonderen Anlässen, also bei biographischen Ereignissen beansprucht. Die Religion ist zur Privatangelegenheit geworden. Mir scheint es aber wichtig, Menschen, die von Kirche die “Dienstleistung” der Kasualien verlangen, ernst zu nehmen. Ihr Bedürfnis, Religion zu leben, ihre Lebensgeschichte mit der Geschichte Gottes zu verknüpfen, darf ihnen nicht gleich abgesprochen werden, auch wenn sie es nur schlecht in Worte zu fassen vermögen. Man soll ihnen nicht unterstellen, sie würden die Pfarrerin/den Pfarrer als ZeremonienmeisterIn und die schöne Kirche als Fotokulisse bei der Taufe und der Trauung missbrauchen. Unsere reformierten Landeskirchen sind Volkskirchen und darum teilweise Kasualienkirchen. Man bindet sich nicht mehr voll und ganz an die kirchliche Institution, sondern nur noch punktuell, eben bei besonderen Gelegenheiten. Kasualien halte ich für eine Chance; dank ihnen kommt Kirche in Kontakt mit verschiedenen Menschen, bleibt Kirche und mit ihr die Deutungskapazität des christlichen Glaubens für das Leben der/des einzelnen im Bewusstsein der Menschen. Kasualien lassen sich kaum biblisch begründen. V.a. die Eheschliessung ist in den biblischen Texten ein Rechtsakt, der mit keiner religiösen Handlung verbunden ist. (Vgl. Gen 24,67; Gen 29, 20-30; Ri 14;16; Ruth 2-4; Hos 1,2f;3) Die Eheschliessung bedeutete im antiken Judentum und in frühchristlicher Zeit, dass die Sozialgestalt “Haus” begründet oder um eine weitere Frau erweitert wurde. Ein rabbinischer Grundsatz lautete, dass die Ehe durch drei Dinge geschlossen werde: Geld, Urkunde und Beischlaf.
[16]

Kasualien sind kirchliche Handlungen, die der/dem einzelnen helfen, ihr/sein Leben mit Gott in Zusammenhang zu bringen. Kasualien haben für mich mit Seelsorge – verstanden als Begleitung von Menschen auf ihrem Lebensweg –  zu tun. Kasualien haben sich im Laufe ihrer Geschichte verändert. Sie wurden der jeweiligen Zeit und den jeweiligen Bedürfnissen der Menschen angepasst, weil sich auch die Biographien der Menschen immer wieder verändert haben. Alle Menschen sollten Zugang haben zu den Kasualien und damit zu der Deutungskapazität des christlichen Glaubens für die Biographie der/des einzelnen, an der der Kasus immer festgemacht ist.

Menschen, die sich selbstbewusst als Lesben und Schwule definieren und ihre Liebesbeziehungen, ihre Partnerschaften öffentlich respektiert leben wollen, gibt es als breite Bewegung erst seit dem 20. Jahrhundert.
[17] Eine breite und um immer grössere Emanzipation kämpfende Lesben- und Schwulenbewegung wurde erst auf dem Boden der Individualisierung der Lebenswelten möglich. Die Kirche sollte immer wieder auf grundlegende gesellschaftliche Veränderungen reagieren, wenn sie ernst genommen werden will. Sie musste auf die Emanzipation der Frauen und auf die sexuelle Revolution reagieren, und jetzt ist sie aufgefordert, auf homosexuelle Menschen und ihre Partnerschaften zu reagieren.
[18] Es ist lieblos und diskriminierend, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung keine liturgische Begleitung zukommen zu lassen, sie quasi “spirituell zu exkommunizieren.”

Dem Berner Praktologen Müller geht es nicht nur um eine Hermeneutik des Textes, sondern auch um eine “Hermeneutik der Menschen”
[19]. Er will verstehen, wer sie sind und was sie zu sagen haben. Menschen, auch die kirchenfernen, sollen also nicht auf den dogmatischen Prüfstand gestellt werden, wenn sie wegen einer Trauung zur Pfarrerin/zum Pfarrer kommen, sondern sie sollen begleitet werden. Bei der kirchlichen Segensfeier für ein Paar, kann es aber natürlich nicht darum gehen, Menschen oder ihre Beziehungen zu verherrlichen. Der Kasualgottesdienst darf nach Müller nicht die Gespaltenheit und Schuld des Menschen zudecken, das Dunkle verdrängen.
[20] Im Gottesdienst anlässlich der Lebensbündnisfeier für ein Paar gehe es darum, dass dieses Ereignis, diese Erfahrung vor Gott im Lichte der Sache Jesu verarbeitet, interpretiert, aber auch in Frage gestellt werde. Der Gottesdienst solle durch das Wort Begegnung mit Gott eröffnen. Der Gottesdienst solle diesen besonderen Menschen in ihrem Glauben und Unglauben, in ihren hellen und dunklen Seiten, ihrer Gespaltenheit, ihrer verborgenen oder offensichtlichen Gottoffenheit Rechnung tragen. Dabei würden nicht nur die vom Kasus Betroffenen, sondern alle GottesdienstteilnehmerInnen angesprochen. Der Gottesdienst anlässlich eines Kasus sei ein Verarbeitungsangebot, das Vergangenheit bewältigen und Zukunft eröffnen könne.
[21] Gerade Lesben und Schwule können ihre schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit, auch mit der Kirche, in einem Segensgottesdienst zur Sprache bringen.

Volkskirche, die in der Schweiz v.a. Kasualienkirche ist, muss, wenn sie Lesben und Schwule nicht verlieren will, homosexuelle Menschen respektieren, sie öffentlich gegen die verdeckten und offenen Angriffe einiger (evangelikalen) ChristInnen schützen.
[22] V.a. aber muss sie für Lesben und Schwule liturgische Räume eröffnen. Die Möglichkeit zu kirchlichen Partnerschaftssegnungen wäre eindeutig ein Schritt von Kirche, Lesben und Schwule zu akzeptieren und nicht nur auf “Randgruppenspielplätzen” zu dulden.
[23] Dank der stetigen Arbeit von Lesben und Schwulen und ihrer FreundInnen wird vielleicht die eine oder andere Landeskirche, ihre Kirchenordnung noch in diesem Jahrtausend ändern…!

Wenn Kirche jedoch völlig aus den Lebensgeschichten von Lesben und Schwulen verschwindet, wird sie bald gänzlich aus ihrem Bewusstsein verschwinden. Im Buch “Ceremonies of the Heart” zeichnet sich ab, dass Kirche zwar im Leben von Lesben an Bedeutung verliert, nicht aber das Bedürfnis nach einem sinnstiftenden Ritual für ein Ereignis in der Lebensgeschichte. Wilhelm Gräb drückt mit folgendem Satz eine m.E. richtige, aber auch eine falsche Beobachtung aus. “Der Kasus drängt in die Kirche, weil er seine familiäre Veranlassung selber schon übersteigt. In ihm geht es um die Rechtfertigung einer Lebensgeschichte, die in den sozialen Bezügen, in denen sie verläuft und sich aufbaut gar nicht gefunden werden kann.”
[24] Gräb hat Recht, dass es im Kasus, z.B. einer Partnerschaftssegnung eines homo- oder heterosexuellen Paares, um ein religiöses Ereignis geht. Es geht darum, Gott um etwas zu bitten, was dem eigenen Verfügen entzogen ist, z.B. um das Gelingen der Beziehung oder um die Kraft, miteinander den Lebensweg bestreiten zu können. Das öffentliche Feiern einer Beziehung drückt aus, dass diese gerechtfertigt ist, also Zustimmung erfährt vom Paar selber, den FreundInnen und den Familien und v.a. von Gott. Dass es aber Paare in die Kirche drängt, dem widersprechen zumindest die Beispiele aus “Ceremonies of the Heart”. Wenn Kirche für gleichgeschlechtliche Paare keine liturgischen Räume eröffnet, das christliche Deutungsangebot für ihre Beziehungen nicht zur Verfügung stellen will, finden die Paare christliche oder sonstige religiöse Sinnstiftung anderswo. Feiern können ausserhalb der Kirche stattfinden oder in “gay and lesbian churches”. Sie können christliche Inhalte haben oder christliche mit solchen einer New Age-Philosophie mischen. Aber das Bedürfnis nach Paarsegnungen und Lebensbündnisfeiern bleibt bestehen. Den Kasus drängt es also nicht zwangsläufig in die Kirche, aber zur Religion!

7.   Gottes Segen hängt nicht vom Trauschein ab

Bei der Diskussion über kirchliche Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare müssen zwei zentrale Punkte beachtet werden, die einer Klärung bedürfen: erstens das Verständnis des Segens und zweitens das protestantische Verständnis der kirchlichen Trauung und der Ehe.

Die meisten christlichen Liturgien für gleichgeschlechtliche Paare enthalten einen Segen. Im Wunsch nach Segen äussern die Paare, dass sie sich für das Gelingen ihrer Partnerschaft nach etwas sehnen, das ausserhalb ihrer selbst liegt, das sie nicht “machen” können.

“May your lives together be joyful and content,
And may your love be as bright as the stars,
warm as the sun, accepting as the ocean
and enduring as the mountains.”
[25]

“Wir bitten Dich, unser Gott und Lebensquell, wir bitten Dich, unser Bruder Jesus Christus, wir bitten Dich heiliger Geist, Gott in uns: Begleite Urs und Emanuel auf ihrem Weg, hilf ihnen, ihre Freundschaft zu gestalten und die Chancen ihrer Krisen zu nutzen, damit sie die Gaben, die Du in sie hineingelegt hast, mehr und mehr entfalten können – zu Deinem Lob und ihrer und unserer Freude. Segne ihre Gemeinschaft und lass sie Bestand haben. Hilf ihnen – von sich loszulassen und zu sterben, sich fallenzulassen in Deinen Erdgrund hinein, damit ihr Leben Frucht bringt.  Sei Du die Achse, um die sie kreisen, sei Du die Quelle, aus der sie trinken, sei Du die Freude, die sie suchen. Und der Herr segne euch und behüte euch … ”
[26]

Die biblische Grundbedeutung des Segens wird nach Stuhlmann am deutlichsten sichtbar im Winzerspruch Jes. 65,8. Segen meint Wachstumskraft, Lebenskraft. Es ist die Kraft des Schöpfers, die das Leben fördert und wachsen lässt. Mit dem Segen kann die Fluchwirklichkeit der Welt aufgebrochen werden.
[27] Segen wird von Menschen also als lebensbegründende, lebensbejahende göttliche Kraft verstanden, um die man beten kann.

Die Segensfeier mancher gleichgeschlechtlicher Paare eröffnete das Gespräch mit Eltern, die über die Lebensweise ihrer Kinder verunsichert sind, ermöglichte, das Leben in Heimlichkeit zu verringern und immer mehr als die/der zu leben, die/der man ist. Die kirchliche Segensfeier eines schwulen Paares im Juli 1995 in Bern sorgte dafür, dass kirchliche und ausserkirchliche Gremien ernsthaft über die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen nachzudenken begannen. Jede gefeierte Segensfeier wird so zu einem “Angriff auf die Fluchwirklichkeit”.

Ein verhängnisvolles Missverständnis des Segens pflanzen Kirchen selber immer wieder fort, nämlich dass segnen “absegnen” heisse und mit dem Segen eine weltliche Lebensform göttlich legitimiert werde. Der Synodalrat der Kirchen Bern-Jura übersetzt “benedicere” fahrlässigerweise mit gutheissen.
[28] So kommt er zum folgenden vorläufigen Schluss, “(…) dass die Kirche ‘ihren Segen geben soll’ für Menschen, deren Absicht oder Auftrag bei der überwiegenden Mehrheit der Kirchenglieder mit Zustimmung rechnen kann. Fürbitte leisten dagegen soll die Kirche für alle Menschen.”
[29]

Dass der Segen der Mehrheitsmeinung unterliegen soll, ist aus den biblischen Zeugnissen nicht abzulesen.[30] Der Segen Gottes ist nicht einer bestimmten Gruppe von Menschen vorbehalten. Der Segen ist auch nicht im Besitz der Kirche oder ihrer AmtsträgerInnen. In den kirchlichen Räumen kann nur um den Segen gebittet und Gottes Segen miteinander geteilt werden. Mir scheint es fragwürdig, Lesben und Schwule wegen Menschen, die massive Vorurteile gegenüber Homosexuellen haben – meist ohne welche persönlich zu kennen – von Partnerschaftssegnungen auszuschliessen. Allzu lange hat die Kirche ihre homosexuellen Mitglieder auf dem Altar der sogenannt “Frommen und Bibeltreuen” geopfert.

Einen Unterschied zwischen Fürbittegottesdienst und Paarsegnung zu machen, scheint mir eher künstlich und sehr “sophisticated” zu sein; es entbehrt m.E. jeglicher theologischen Logik. Ehrlicherweise müsste Kirche zugeben, dass sie sich v.a. vor dem Verlust der Kirchensteuern der Evangelikalen fürchtet und theologische Bedenken und die Kirchenordnung nur Vorwand sind, nicht zu handeln. Mich stört es, dass homosexuelle Menschen als “Spaltpilze” von Kirche dargestellt[31] und die, die es wirklich sind, nämlich die FundamentalistInnen, mit Samthandschuhen angefasst werden.[32] Es kann meiner Meinung nach nicht mehr darum gehen, dass sich homosexuelle Menschen der Kirche gegenüber als würdig erweisen müssen, sondern die Kirche muss sich endlich den Homosexuellen gegenüber als würdig erweisen.[33] Die unterschiedlichen sexuellen Orientierungen von Menschen könnten ja auch als Bereicherung und nicht als Bedrohung verstanden werden.

Eine kaum nachvollziehbare Haltung gegenüber Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare kommt in der Orientierungshilfe der EKD bezüglich Homosexualität von 1996 zum Ausdruck. Darin heisst es, dass segnen Zuspruch des Beistandes Gottes heisse, der aber, sofern er sich auf eine bestimmte Lebensform beziehe, das Moment der Einwilligung Gottes einschliesse.[34] Die EKD lehnt die kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ab, da homosexuelle Beziehungen nicht dem Willen Gottes entsprächen und das biblische Menschenbild auf Ehe und Familie hingeordnet sei. Die Fülle der für das menschliche Leben wesentlichen Funktionen seien nur in Ehe und Familie möglich.[35] Homosexuelle müssen sich nach dem EKD Papier immer bewusst sein, dass ihre Beziehungen begrenzt sind.[36]  Andererseits dürfen sie aber ihre defizitären Beziehungen ethisch verantwortbar leben.[37] Ich bezweifle, dass eine solch ambivalente Botschaft Menschen in ihrem Verlangen nach Heilwerden, in ihrem Bestreben, erfüllte, ganze Persönlichkeiten zu werden, ernst nimmt. Es scheint mir doch sehr problematisch, etwas äusserlich zu leben, wenn es innerlich nicht voll und ganz akzeptiert werden kann. M.E. geht es im Christentum nicht darum, aus Menschen gespaltene Persönlichkeiten zu machen, sondern darum, dass Menschen Leben und reiche Fülle haben (Joh 10,10). [38]

Segnen oder benedicere heisst nicht “gutheissen”, sondern “Gutes zusprechen” oder “ein gutes Wort zum Geleit geben”. Segnen heisst nicht “absegnen”, verleiht also keiner faktischen Wirklichkeit, keiner Lebensform an sich göttliche Legitimität, auch nicht der heterosexuellen Ehe. Es gibt einfach keine an sich christliche Lebensform. Eine Partnerschaft, ob sie nun gleich- oder gegengeschlechtlich ist, kann aber in einem christlichen Geist geführt und gestaltet werden. Und um göttliche Lebenskraft dazu kann immer wieder gebittet werden. Ihre Liebesbeziehungen können also homo- und heterosexuelle Paare in der Erfahrung des Zuspruchs des Segens leben, gestalten und verändern.

Der Segen macht nicht aus etwas Profanem etwas Heiliges. Er weiht nicht und ist kein magischer Spruch mit Wirkungsgarantie. Der Protestantismus kennt kein sakramentales Eheverständnis. Der Segen gehört in der Bibel zum alltäglichen Leben (z.B. zum Abschied) und zu den Wendepunkten im Leben eines Menschen (z.B. zur Geburt).[39] Stuhlmann beschreibt den Segen treffend als Gottes Geleit. Der Segen wird mit diesem Ausdruck nicht spiritualisiert, sondern der Zuspruch des Segens, des Geleites Gottes, wird zur Kampfansage gegen die Mängel des Lebens und eröffnet Hoffnungsperspektiven.[40]

Durch den Segen kann also Berührung mit der göttlichen Lebenskraft erfahren werden, Gottes Geleit und Schutz auch in schwierigen Zeiten, z.B. in schwierigen Phasen einer Beziehung. Der Segen, den man z.B. in seiner Partnerschaft erfährt, soll geteilt werden mit anderen Menschen. Segen kann man nicht horten wie Geld, sondern er wird grösser, wenn man ihn teilt.[41]

Auch bei der kirchlichen Trauung eines heterosexuellen Paares findet nur eine Fürbitte um den Segen statt und keine Eheschliessung. Die kirchliche Trauung ist nicht eine Verdoppelung der zivilstandesamtlichen Eheschliessung. Sie ist keine religiöse Überhöhung der bürgerlichen Ehe. Das Proprium der kirchlichen Trauung ist also nicht die Eheschliessung, sondern die Segnung. Der Segen dürfte folglich nicht nur verheirateten Paaren mit Trauschein vorbehalten sein. Es gibt keinen zwingenden theologischen Grund, die Kasualhandlung der Paarsegnung nicht allen Paaren, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung und ihres Zivilstandes, zugänglich zu machen.[42]

Das  grösste Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paare bezüglich  kirchlicher Partnerschaftssegnung ist m.E. das Eheverständnis. Die Einführung kirchlicher Segenshandlungen für gleichgeschlechtliche Paare wird oft als Angriff auf die Ehe verstanden.[43] Dahinter stecken irrationale Ängste, die logisch kaum nachvollziehbar sind. Einerseits kommt ein grundlegendes “sakramentales Missverständnis” der heterosexuellen Ehe zum Ausdruck[44],andererseits die Homophobie einer heterosexuellen Gesellschaft.[45]

Obwohl gerade Martin Luther die Ehe ein “äusserlich weltlich Ding” genannt und den Eheschluss vor die Kirchentür verbannt hat[46], scheinen die lutherischen Kirchen grundsätzlich mehr Mühe zu haben mit der Homosexualität als die reformierten.[47] Das liegt daran, dass das Luthertum vermehrt eine Theologie der Schöpfungsordnungen vertritt, die m.E. theologisch fragwürdig ist, weil sie gewisse faktische Wirklichkeit göttlich legitimiert, v.a. die der Mächtigen und schlechte Erinnerungen an Positionen der Deutschen Christen weckt. Ich teile die Meinung Bukowskis, dass die Ehe als Schöpfungsordnung aus der Bibel nicht begründet werden kann, sondern dass es nur Hinweise auf ein verantwortliches Leben in der Ehe gibt.[48] Die lutherisch dominierte EKD nennt die Ehe ethisch und kulturell gewolltes Leitbild und schätzt gleichgeschlechtliche Beziehungen als Abweichungen von diesem Leitbild ein.[49] Die heterosexuelle Ehe gilt ihr als Massstab, mit dem alle anderen Lebensformen gemessen werden. Ich kann Stuhlmann, dem Superintendenten der unierten Rheinischen Kirche, nur beipflichten, wenn er schreibt, dass das sogenannte biblische Menschenbild immer eher etwas über die Wünsche und Ideale derer verrate, die es entwerfen, als über die Aussagen der Bibel. Das liebgewordene Eigene werde als das von Gott gesetzte Mass deklariert, an dem Menschsein gemessen und bewertet werde. Fremdes und Abweichendes werde als defizitär und abnorm beschrieben. Er bezeichnet das als Sprache der Arroganz, die die sprächen, die über die Macht der Mehrheit verfügten.[50] Das EKD Papier weist ganz klar in diese Richtung. Man propagiert eine bürgerliche Ehetradition und muss darum notwendigerweise homosexuelle Beziehungen als begrenzte und eingeschränkte Beziehungen abwerten, die nicht dem Schöpferwillen Gottes gemäss sind.[51] Im EKD Papier heisst es zwar, dass Jesus Christus Mitte des Evangeliums ist, von der her die Schrift zu lesen sei ,[52] doch wird man beim Lesen dieses Papiers den Eindruck nicht los, dass die Leitbildfunktion von Ehe und Familie doch der wichtigere Grundsatz sei.[53] Die Reformierten gehen von den Erfahrungen homosexueller Menschen aus und vertreten eher eine christozentrische Theologie.[54] Der Synodalrat der Kirchen Bern-Jura schlägt seiner Synode gar vor, trauungsähnliche Feiern für gleichgeschlechtliche Paare zu prüfen und allenfalls dazu die erforderlichen Veränderungen der Kirchenordnung vorzunehmen.[55] Besonders beeindruckt hat mich die Haltung der in “Ceremonies of the Heart” beschriebenen Quäkergemeinde. Als man merkte, dass die gewünschte Lebensbündnisfeier eines Frauenpaares nicht Ehe genannt werden konnte, wegen der Assoziation zur zivilgesetzlichen Ehe, nannte man sie “Verpflichtungsfeier” (Celebration of Commitment). Um zu verhindern, dass diese Feier zu einer Zweitklassfeier und homosexuelle Partnerschaften zu Zweitklasse-Partnerschaften degradiert würden, benannte man auch die Feiern für heterosexuelle Paare in “Verpflichtungsfeiern” um.[56]

Ich kann nur nochmals zusammenfassend wiederholen, dass es meiner Ansicht nach weder theologische noch humanwissenschaftliche Gründe gibt, einen qualitativen Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Paaren zu machen. Es ist Aufgabe von Kirche zu betonen, dass die Ehe ein Rechtsakt ist und die kirchliche Trauung ein Fürbitte- und Segensgottesdienst für ein Paar, ob es nun homo- oder heterosexuell ist und ob es seine Beziehung rechtlich geschützt hat oder nicht. Es gibt keinen Grund, unterschiedliche Feiern für homo- und heterosexuelle Paare anzubieten. Es müssen also für homosexuelle Paare keine neuen rituellen Handlungen erfunden und spezielle Liturgien geschrieben werden, wie das z.B. bei Scheidungs- oder Trennungsgottesdiensten der Fall wäre. Eine Unterschiedlichkeit der Segensfeiern ist nur in der biographischen Unterschiedlichkeit der Paare begründet und nicht in der sexuellen Orientierung.[57]

[16] Vgl. Stuhlmann, Trauung 487.

[17] Homosexuelle Menschen gab es dagegen zu jeder Zeit, in allen Kulturen. Jede Zeit und jede Kultur ging anders mit ihnen um. In bestimmten Kulturen, z.B. bei den Griechen, wurden homosexuelle Praktiken von Männern innerhalb eines bestimmten Rahmens toleriert, nämlich wenn es um einen älteren Mann und einen Jüngling ging. Der ältere Mann, der meist verheiratet war, hatte die aktive Rolle zu spielen, während der jüngere Mann den Part der Frau übernahm.

[18] Schon die ersten Christusgläubigen hatten auf ihre Umwelt reagiert, z.B. in der Frage der Aufnahme der NichtjüdInnen in die Gemeinde, vgl. Apg. 11,17 oder in der Frage der Beschneidung der “Heiden”, vgl. Apg. 15,9f.

[19] Müller, Hochzeit 46.

Für mein Verständnis der Kasualien zentral ist das Kasualienbuch von Theophil Müller. Für ihn – und ich pflichte ihm bei – hat Glaube konkret und primär mit der Biographie des einzelnen in seiner Umwelt zu tun. Christlicher Glaube ist eine Art, das Leben zu leben und zwar das Alltagsleben. Vgl. a.a.O. 35. Müller kritisiert den Hochmut von Kirche und TheologInnen in der Einstellung zum Volk. Für ihn wie für mich gehört es zur Grundlage einer Anthropologie, den wirklichen Menschen wahrzunehmen und zur Ekklesiologie, den tatsächlichen Menschen ernst zu nehmen. Vgl. a.a.O. 46.

[20] Vgl. a.a.O. 60.

[21] Vgl. a.a.O. 64.

[22]Es darf nicht vergessen werden, dass viele homosexuelle ChristInnen, v.a. aus evangelikalen Kreisen, unter einem psychischen Druck stehen. Oft werden sie vor die Entscheidung gestellt, entweder auf ihre Homosexualität zu verzichten oder auf ihr Christsein. Diese Art “Seelsorge” kann Menschen zur Verzweiflung und in den  Suizid treiben.

[23] Ich möchte nicht verschweigen, dass gerade von den reformierten Landeskirchen gute Impulse zur Akzeptanz von Lesben und Schwulen ausgegangen sind. Es war eine Pionierinnenleistung der beiden Theologinnen Else Kähler und Marga Bührig, als sie 1974 im Evangelischen Studienzentrum Boldern bei Zürich Tagungen für Lesben und Schwule ins Leben gerufen hatten. Diese finden bis heute statt, seit einigen Jahren auch in anderen evangelischen Tagungshäusern. In Basel gibt es seit fünf Jahren die Lesbisch-Schwule Basiskirche, die jeden Monat gut besuchte Gottesdienste in der Elisabethenkirche durchführt und zur Evangelischen Kirche Basel-Stadt gehört.

[24] Gräb, Rechtfertigung 32f.

[25] Butler, Ceremonies 198.

[26] Brunner-Dubey, Einkehren 119.

[27] Stuhlmann, Trauung 489.

[28] Evangelisch Reformierte Kirchen Bern-Jura, Gleichgeschlechtlichkeit 4.

[29]ebd. Die Kirchen Bern-Jura lehnen Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare ab, befürworten aber – im übrigen als erste evangelische Landeskirchen der Schweiz – offiziell seit Juli 1995 Fürbittegottesdienste für homosexuelle Paare. Der Synodalrat sagt, dass die Kirchenordnung nur eine Fürbittehandlung  zulasse, nicht aber eine Segnung oder Trauung. Vgl. ebd.

[30]Zudem wissen wir nicht zuverlässig, wie die Mitglieder der reformierten Landeskirchen über kirchliche Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare denken. Es ist festzuhalten, dass nach der medienwirksamen “Schwulenhochzeit” im Juli 1995 die Berner Kirche keine Austrittswelle zu beklagen hatte, sondern dass sogar 106 Neu- oder Wiedereintritte mehr erfolgt sind als im Vorjahr. Vgl. Basler Zeitung, Kircheneintritte  9.

[31] “Ein beachtlicher Teil unserer PfarrerInnen und Kirchenglieder ist heute nicht in der Lage, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft gutzuheissen. Es wäre lieblos und würde die Einheit der Kirche ernsthaft gefährden, würden nun einzelne Amtsträger dessen ungeachtet solche Partnerschaften öffentlich segnen.” Evangelisch Reformierte Kirchen Bern-Jura,Gleichgeschlechtlichkeit 4.

[32]Lesben und Schwule der HuK (Homosexuelle und Kirche) fragen den Berner Synodalrat zurecht, mit wem sich Kirche solidarisieren wolle, mit den konservativen Gemeindegliedern oder den Lesben und Schwulen, mit welchem Segment der christlichen Bevölkerung den Kirchen mehr Mut, Lebenskompetenz, Innovationskraft, Spiritualität und Veränderungsenergie verloren gehe. Weiter erwarten sie von den Kirchen einen guten und tragfähigen Boden für ihre Beziehungen sowie Fürbitte und Segen. Es wird gehofft, dass die Landeskirchen endlich den Weg der Ängstlichkeit und Zögerlichkeit verlassen, damit Schwule und Lesben wirkliche Beheimatung in den Landeskirchen fänden. Vgl. Schildchrott, Einsegnung  27f.

[33] Diese Meinung vertritt auch Pfarrer Klaus Bäumlin, der die erste offizielle kirchliche Segensfeier für ein gleichgeschlechtliches Paar in der Schweiz durchführte. Er sieht kirchliche Segensfeiern auch als Zeichen der Wiedergutmachung der Kirchen, die an der gesellschaftlichen Ächtung, Verurteilung, Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen mitbeteiligt war. Konkrete Zeichen von Wiedergutmachung hält er für besser als verbale Schuldbekenntnisse. Vgl. Bäumlin, Erwägungen 3.

[34] Vgl. EKD Texte, Spannungen 2.

[35] Vgl. a.a.O. 16. 51-55.

[36] Vgl. a.a.O. 45.

[37] Vgl. a.a.O. 35;54.

[38] Sehr interessant finde ich in diesem Zusammenhang das Buch des schwulen Ex-Jesuiten und Psychotherapeuten John Mc Neill über die reife Spiritualität homosexueller Menschen und über gesunde und pathologische Aspekte von Religion und McNeills Schlussfolgerung, dass gute Theologie gute Psychologie zur Folge haben werde und umgekehrt. Vgl. McNeill, Sie küssten sich 31-36. Besonders wichtig ist ihm das Irenäus-Wort “Die Herrlichkeit Gottes ist die der Menschen in Fülle.” a.a.O. 21.

[39] Vgl. Barben-Müller, Segen 352-354.

[40] Stuhlmann, Trauung 490.

[41] a.a.O. 491.

[42] Konstitutiv für den Segen ist die Bitte um den Segen. Insofern sehe ich keinen theologischen Unterschied zwischen einem Segens- und einem Fürbittegottesdienst. In den Schweizerischen Reformierten Landeskirchen gibt es zwar – glücklicherweise – keine festgelegten, verbindlichen Trauformulare, doch das zentrale Element bei der Trauung ist die Fürbitte. Vgl. Kirchenbuch der Zürcher Kirche zum Gottesdienst bei der Trauung, XXI. Somit wären alle Gottesdienste anlässlich einer Lebensbündnisfeier Fürbittegottesdienste.

[43] Vgl. z.B. EKD Texte, Spannungen 53.

[44] Vgl. Bukowski, Missverständnis 366.

[45] Für Veränderungen der traditionellen bürgerlichen Ehe – rechtsbürgerliche Kreise sprechen von der Auflösung aller Werte und beklagen den Zerfall der Moral – werden oft die Homosexuellen verantwortlich gemacht. Auf die Homosexuellen werden in der Folge zahlreiche negative Eigenschaften projiziert: Promiskuität, Verführung von Kindern und Jugendlichen etc. Bei Lesben kommt noch der Vorwurf des Männerhasses dazu.

Bei der Homophobie handelt es sich um eine Unterart der Xenophobie, also eine übersteigerte Furcht vor dem Fremden und Ungewöhnlichen. Manche Homosexuelle verinnerlichen die gesellschaftliche Homophobie und verspüren aufgrund ihrer Homosexualität Gefühle der Schuld und des Selbsthasses. Vgl.Tessina, In guten 32.

[46] Vgl. Stuhlmann, Trauung 497.

[47] Das kommt v.a. zum Ausdruck in den kirchlichen Stellungnahmen. Vgl. z.B. die Orientierungshilfe der EKD zum Thema Homosexualität und Kirche, das Arbeitspapier Homosexuelle Liebe der Rheinischen Kirche und das Papier der Kirchen Bern-Jura, Kirche und Gleichgeschlechtlichkeit.

[48] Vgl. Bukowski, Missverständnis 365.

[49]Vgl. EKD Texte, Spannungen  3.

[50] Vgl. Stuhlmann, Homosexuelle Liebe 265.

[51] Vgl. EKD Texte, Spannungen 16, vgl. auch Pannenberg, Rechtsüberzeugungen 264. Er sieht die rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit der ehelichen Gemeinschaft von Mann und Frau als eine Entfernung vom christlichen Menschenbild.

[52] Vgl. EKD Texte, Spannungen 14.

[53] Vgl. a.a.O. 3.8.16.33.41.45.48.53.

[54] Gott kann nur von Jesus Christus her erkannt werden, auch in der Schöpfung. Gen 1 und 2 könnten nur vom NT her gelesen und nicht als Schöpfungsordnungen verstanden werden. Heterosexualität erklären sie nicht zur Norm. Die Rheinische Kirche beruft sich v.a. auf 1. Kor 7. In diesem Sinne könnten Homosexuelle ihrer Berufung entsprechend leben. Vgl. Rheinische Kirche, Homosexuelle Liebe 19-32.47-56.

[55] Vgl. Evangelisch Reformierte Kirchen Bern-Jura , Gleichgeschlechtlichkeit 1. Die obligatorische Zivilehe vor der kirchlichen Trauung wurde vom Staat während des Kulturkampfes 1871-1876 eingeführt, um jedes entgegenstehende Recht, v.a. das Kirchenrecht, auszuschalten. Der neue Entwurf für die Revision des Zivilgesetzbuches von 1992 sieht meines Wissens die Streichung dieses Artikels vor. Einer Änderung der Kirchenordnungen steht also bald nichts mehr im Weg.

[56] Butler, Ceremonies 246.

[57] Ich kann dem Ethiker Wolfgang Lienemann in keiner Weise folgen. Er spricht sich zwar für eine liturgische Begleitung von homosexuellen Paaren aus, will aber andere liturgische Formulare verwenden als bei heterosexuellen Paaren. Man müsse die Differenzen zwischen diesen beiden Lebensgemeinschaften ernst nehmen und ihrem besonderen Charakter Rechnung tragen. Eine Segnung könne deshalb nicht mit einer Trauung gleichgesetzt werden. Vgl Lienemann, Ehe 35.

Lienemann begründet seine Forderung nach einer anderen liturgischen Begleitung und einer anderen Rechtsform für gleichgeschlechtliche Paare mit zwei Argumenten: Erstens werde die Ehe im Volk als kulturell gewachsene Institution verstanden, mit der die Leute die monogame, auf Dauer angelegte Lebens-, Wirtschafts-, Wohn- und Geschlechtsgemeinschaft von Mann und Frau verbänden, zweitens hätten nur heterosexuelle Lebensgemeinschaften die Möglichkeit, gemeinsame Kinder hervorzubringen. Vgl. a.a.O. 31.

Lienemann geht m.E. erstens von einem Eheideal aus, das es weder heute gibt noch zu früheren Zeiten für alle Menschen wirklich gegeben hatte. Gerade den Besitzlosen stand die Institution Ehe nicht offen. Der Tatsache, dass sich die Ehe historisch wandelt und ebenso die Wertnormen der Gesellschaft, muss rechtlich und liturgisch Rechnung getragen werden. Heute steht das Rechtsinstitut der Ehe und die kirchliche Tauung ja auch Armen offen.

Zweitens begründet Lienemann mit einer punktuellen physiologischen Differenz eine rechtliche und liturgische Andersbehandlung, was mit Sicherheit eine Minderbewertung homosexueller Paare zur Folge hätte. Lienemann geht letztlich von historischen und natürlichen Ordnungen aus. In der Ehe könnten Christenmenschen eine Anordnung Gottes erkennen (Vgl. a.a.O. 27). Eine bestimmte faktische Ordnung hervorzuheben und göttlich zu legitimieren impliziert m.E.  immer eine Abwertung anderer Ordnungen. Eine dringende Aufgabe für die christliche Ethik  sehe ich  in der Klärung des Begriffes der Fruchtbarkeit. Wie  können Paare ohne gemeinsame Kinder ihre “Fruchtbarkeit” leben?

8.   Drei Liturgien für gleichgeschlechtliche Paare im Vergleich[58]

Segensgottesdienst für die Lebensgemeinschaft eines schwulen Paares in Bern [59]

 

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Im Juli 1995 fand zum ersten Mal in der Schweiz eine offizielle Feier für ein gleichgeschlechtliches Paar in einer reformierten Landeskirche statt. Die Berner Feier war ein riesiges Medienspektakel. Viele Zeitungen, Illustrierte und das Schweizer Fernsehen fanden sich ein, um Bilder der “Schwulenhochzeit” einzufangen. Die Feier konnte mit der Einwilligung der Berner Landeskirche stattfinden, da Pfarrer Klaus Bäumlin, den Synodalrat schon im Frühjahr 1995 informiert hatte. Der Synodalrat fand darauf in der Kirchenordnung einen Artikel, der mit gutem Willen und weiter Interpretation eine solche Feier zuliess.[60] Allerdings stösst dieser Artikel bei Lesben und Schwulen nicht auf riesige Begeisterung. Der Synodalrat findet jedoch nicht, dass mit diesem Artikel und dem Namen Fürbittegottesdienst Lesben und Schwule in die Nähe von Kranken und Behinderten gerückt werden. “Der Synodalrat ist der Auffassung, dass Artikel 28 Beispiele von Menschen in besonderen Lagen aufzählt (die Aufzählung ist also nicht abschliessend), dass zu diesen auch Homosexuelle gehören, die ihr Leben miteinander teilen wollen.”[61] Der Berner Synodalrat beschloss also gleichgeschlechtlichen Paaren Fürbittegottesdienste zu ermöglichen, ersuchte aber die Beteiligten, auf Elemente zu verzichten, die traditionellerweise zu einer Trauung gehören.[62]

Pfr. Klaus Bäumlin hatte am 8. Juli 1995 eine delikate Aufgabe zu lösen. Einerseits waren da die Erwartungen des schwulen Paares, seiner FreundInnen und seiner Familien und die Hoffnungen der noch kirchlich interessierten lesbisch-schwulen Gemeinschaft. Andererseits stand Bäumlin unter Beobachtung der Berner Kirchenbehörden und einiger skeptisch bis negativ eingestellter Kirchenmitglieder. Dazu kam das enorme Medieninteresse an dieser Feier. Pfr. Bäumlin hat seine Aufgabe meiner Meinung nach sehr gut gelöst und sich im Umgang mit den Medien offen und kooperativ gezeigt. Er hat aber auch Grenzen gesetzt, so z.B. die Medien während des Gottesdienstes nicht zugelassen. Er hat die kirchlichen Behörden frühzeitig informiert und seine Erwägungen kundgetan und die Feier sensibel für die Anliegen des Paares und seiner Angehörigen, aber auch für noch skeptische ChristInnen gestaltet. Trotz dieser Anstrengungen wurde Bäumlin nachträglich vom Synodalrat gerügt, sich nicht an den Rahmen der Kirchenordnung gehalten, sondern eine Trauung imitiert zu haben.[63] Meines Erachtens sind die Vorwürfe gegen Bäumlin aus drei Gründen ungerechtfertigt:

  1. Es gibt keinen theologischen Unterschied zwischen einer kirchlichen Trauung und einer Paarsegnung und auch keinen essentiellen Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Paaren.
  2. Es gibt in der Reformierten Landeskirche der Schweiz kein festgelegtes Trauformular, weshalb eine Trauung gar nicht imitiert werden kann.
  3. Homosexuelle Paare haben für ihre Lebensbündnisfeier nicht an sich andere Bedürfnisse als heterosexuelle Paare. Gebet, Versprechen, Segen, Symbolhandlung (Tausch der Ringe) und Predigt können doch nicht exklusiv von verheirateten heterosexuellen Paaren beansprucht werden. Lesben und Schwule sind in der gleichen christlichen Tradition und in der gleichen Kultur aufgewachsen wie heterosexuelle Menschen.

Bäumlin gelingt es in seinem Gottesdienst, eine Verbindung herzustellen zwischen der Kirche, die sich ihrer für Homosexuelle schmerzvollen Geschichte erinnert, und vielen bunten, schrillen und stillen Lesben und Schwulen, die in der Kirche anwesend waren, also zu vielfältigen Lebensgeschichten von Homosexuellen. Die Kultur, die sich die homosexuelle Gemeinschaft aufgebaut hat, fand im Raum der Kirche Platz (u.a. als schwuler Männerchor). Zu Anfang des Gottesdienstes legte Bäumlin sein Bibelverständnis dar. Er brachte einen Bibeltext (Gen 2,18) sinnvoll mit einer homosexuellen Liebesbeziehung in Verbindung. Er deutete ihn auf die wesentlich im Menschen angelegte Beziehungshaftigkeit. Bäumlin blendete in seiner Predigt weder die schwierigen Seiten einer Partnerschaft, noch das Leid der Welt vollkommen aus. Er verband die Lebensgeschichten dieser zwei Menschen mit der Geschichte Gottes. Er wies darauf hin, dass menschliches Wollen und menschliche Anstrengung allein nicht genügen, und deshalb Gottes Segen wichtig sei für eine Partnerschaft. Bäumlin wendete sich in seiner Predigt auch an Eltern und Familien der Lebenspartner und an Menschen, die gegenüber kirchlichen Segensfeiern für homosexuelle Paare skeptisch eingestellt sind.

Das Paar und die GottesdienstteilnehmerInnen waren während der Feier vorwiegend passiv. Der Gottesdienst scheint v.a. vom Pfarrer gestaltet worden zu sein; er ist eher wort- und pfarrerzentriert. Ein volkskirchliches Kirchenverständnis steht hinter diesem Segensgottesdienst. Kirche bietet ihre “Dienstleistung” an, ist offen für ein breites Publikum, das sich nicht nur aus traditionellen KirchgängerInnen zusammensetzt, und nimmt die Menschen, wo sie auch stehen, ernst. Bäumlins Predigt ist eine plausible Predigt, die “mit dem Anfang anfängt”. Er setzt keine christlichen Vorkenntnisse voraus und versteckt sich nicht hinter dogmatischen Formeln. Seine Predigt ist verständlich. Mir gefällt Bäumlins Gottesdienst sehr gut, weil er einfühlsam ist und Rücksicht nimmt auf die Erstmaligkeit einer offiziellen kirchlichen Segensfeier für ein gleichgeschlechtliches Paar.

Der Gottesdienst enthält die Elemente Predigt, Versprechen, Bekenntnis, Segen, Gebet, Ringtausch. Das Versprechen ist so formuliert, dass es Offenheit und Raum für die Zukunft lässt. Die, die das Versprechen ablegen, werden daran erinnert, dass menschliche Liebe ihre Kraft von Gott bekommt, und sie sich als Geschenk Gottes füreinander erfahren dürfen.

Partnerschaftssegnung in der Basisgemeinde MCC-Hamburg[64]

 

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Das Formular der MCC-Hamburg ist kein feststehendes Formular für Partnerschaftssegnungen. Die MCC will die Liturgien nach den individuellen Bedürfnissen der Paare gestalten. Das ausgearbeitete Formular stellt nur einen Querschnitt aus den verschiedenen Gottesdiensten dar, in denen Partnerschaftssegnungen gefeiert wurden.

Wenn ich das Formular der MCC richtig interpretiere, hat die Partnerschaftssegnung ihren Platz im Rahmen des wöchentlichen Gemeindegottesdienstes und ist kein Anlass für sich. Auf jeden Fall stimmt die Gemeinde, die bei der Partnerschaftssegnung anwesend ist, mit der üblichen Gottesdienstgemeinde weitgehend überein.

Im MCC-Formular steht die Gemeinde im Vordergrund.  Das Versprechen wird vor Gott und der Gemeinde abgelegt. Das Paar sieht sich als Teil der Gemeinde. Die MCC ist keine Volkskirche, sondern eine Basisbewegung, eine homogene Gruppenkirche. Der Segen wird dem entgegengesetzt, was die Beziehung bedroht. Er ist als Schutz und Bestätigung Gottes für die Beziehung verstanden. Das Paar stellt sich unter diesen Segen. Es wird betont, dass die Segnung keine Eheschliessung ist. Ebenso wird hervorgehoben, dass der Segensgottesdienst nicht eine vorher illegitime Partnerschaft legitimiert oder aufwertet, da eine Partnerschaft die Legitimation nicht durch den Segen, sondern durch die Liebe Gottes, die sie trägt, erhält. Das Versprechen wird mit der liturgischen Formel “Ja, mit Gottes Hilfe” beantwortet, um eine Überforderung zu vermeiden. Nicht die Liturgin, der Liturge allein bittet Gott um den Segen, sondern die ganze Gemeinde. Die Gemeinde hält sich dazu an den Händen und bildet einen Kreis um das Paar. Das Paar und die Gemeinde wiederholen jeweils gemeinsam die Formel “Dafür bitten wir um Deinen Segen, o Gott!” Als Bibellesung schlägt die MCC Hohelied 8,6f oder 1Kor 13 vor.

Zeremonie für das Lebensbündnis eines lesbischen Paares[65]

 

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Diese Zeremonie fand 1982 in einer Methodistischen Kirche in Illinois/USA statt. Ein Paar beschliesst mit seinen FreundInnen, die ihm zur Familie geworden sind, den Beginn eines neuen Abschnitts seiner Lebensreise zu feiern. Das Paar führt die Liturgie zum grössten Teil selber durch. Die anderen TeilnehmerInnen der Zeremonie äussern spontan ihre Gedanken und Segenswünsche für das Paar. Menschen sprechen also Menschen Segen zu. Die ganze Gemeinde spricht anschliessend zusammen ein Bekenntnisgebet. Gott wird darin als ein Gott der Freiheit und der Ganzheit angesprochen, der den Menschen die Möglichkeiten der Freiheit und der Bindung gegeben hat, aber auch die Kraft, diese Möglichkeiten zu verwirklichen. Als Bibellesung wird Ruth 1,6-18 gewählt. Zu diesem Text werden Gedanken über die Bedeutung von Lebensbündnissen und Familienbindungen formuliert. Auch diese Feier beinhaltet ein Versprechen, das sich das Paar gemeinsam gibt. Es ist ein selbstformuliertes Versprechen.

“Unter allen Menschen, die in mein Leben getreten sind, habe ich Dich auserwählt, um ein Lebensbündnis mit Dir zu schliessen. Mit Dir und um Dich will ich mein Leben neu  ordnen. Ich  freue mich über das Geschenk dieser Bindung und über mein Bemühen, das Geschenk der Liebe zu geben.”[66]

Mir gefällt dieses Versprechen, weil einerseits die Selbstverantwortung des Menschen für seine Partnerwahl angesprochen ist, andererseits aber die Bindung und die Liebe als Geschenk erlebt werden. Gottes Wirken und menschliches Wirken sind darin aufeinander bezogen. Das Lebensbündnis wird durch die Gemeinde vor Gott bestätigt. Anders als in den beiden anderen Liturgien ist der Ringtausch zu einer grösseren Symbolhandlung ausgebaut worden. Zudem enthält die Liturgie ein symbolhaftes Kommunionsritual, das an die schwierige Situation der Vergangenheit erinnern und Hoffnung für die Zukunft eröffnen soll. Diese Liturgie ist v.a. durch das Paar selbst bestimmt, die Liturgin spielt nur eine sehr nebensächliche Rolle. Die Feier lässt Offenheit für spontane Reaktionen der FreundInnen. Das Paar gebraucht keine religiösen Formeln, es spricht nur aus, was ihm plausibel ist. Symbole spielen eine grosse Rolle, um das auszudrücken, was nicht in Worte gefasst werden kann.

Die drei Liturgien im Vergleich

Es gibt für homosexuelle Paare, wie wir gesehen haben, sehr vielfältige Liturgien. Die hier untersuchten tragen alle einen anderen Namen, alle kommen aus einem andern Land und repräsentieren ein anderes Kirchenverständnis und eine andere Theologie. Die erste Liturgie ist pfarrer- und wortzentriert. Die zweite Liturgie enthält eine eher formelhafte Sprache. Die Gemeinde spielt eine wesentliche Rolle. Die dritte Liturgie, die das Paar selbst gestaltet hatte, lässt viel Offenheit für spontane Reaktionen der Gemeinde. In ihr haben Symbolhandlungen ein grosses Gewicht. Die erste Liturgie setzt ein volkskirchliches Kirchenverständnis voraus, die zweite ein gruppenkirchliches, die dritte orientiert sich an der Frauenkirchenbewegung. Hinter der ersten Liturgie verbirgt sich formal eine liberale und inhaltlich eher eine befreiungstheologische Theologie, hinter der zweiten steht eine eher traditionelle bekenntnisorientierte Theologie, die dritte ist von der feministischen Befreiungstheologie beeinflusst. Trotzdem gibt es Elemente, die in allen drei Liturgien vorkommen und als wichtig erachtet werden. Alle Liturgien wurden in einer Kirche gefeiert. Die Partnerschaft wird in einen Kreis von Menschen gestellt, die ihr wohlwollend gegenüberstehen und um deren Unterstützung die PartnerInnen bitten. Die GottesdienstteilnehmerInnen drücken mit ihrer Anwesenheit und Beteiligung in allen drei Liturgien aus: Wir nehmen euch als Paar ernst, ihr gehört in unsern Augen zusammen, wir wollen euch auch in schwierigen Situationen beistehen.[67] Ebenso wird in allen drei Liturgien die Partnerschaft vor Gott gestellt. Es wird um seinen Segen und Beistand, seinen Schutz und seine Kraft gebittet, damit die Partnerschaft immer wieder gut gelebt und für andere zum Segen werden kann. Die Partnerschaft wird als Geschenk Gottes angenommen und dafür gedankt. Alle Liturgien enthalten einen Bibeltext mit einer ganzen Predigt oder einer kürzeren Meditation darüber. In allen drei Liturgien gibt es ein Versprechen, das sich die PartnerInnen geben. Im Versprechen wird die Absicht ausgedrückt, gute und schlechte Tage miteinander zu teilen. Ein weiterer konstitutiver Teil ist das Gebet.

Die drei Liturgien zeigen, dass es möglich ist, in ganz verschiedener Form und in christlicher Tradition gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu feiern. Die Liturgien könnten mit kleinen Änderungen auch von heterosexuellen Paaren übernommen werden.

9.   Schlussbetrachtungen

 

Die Partnerschaftssegnung drängt es nicht zwangsläufig in die Kirche, aber es drängt sie zur Religion. Die meisten Menschen haben ein Bedürfnis, sich religiös auszudrücken, ihr Leben, ihre Beziehungen in einen grösseren Zusammenhang zu stellen, sie in Verbindung mit dem Heiligen, mit Gott zu bringen. Viele Menschen möchten ihre Partnerschaft Gott anheim stellen. Im Akt des “Anheimstellens” drücken Menschen aus, dass sie nicht restlos über sich selber verfügen, dass sie ein Anliegen haben, das ihre eigene Kapazität übersteigt. Seine Partnerschaft Gott anheimzustellen heisst aber nicht, selber untätig zu bleiben. Indem man seine Partnerschaft Gott anbefiehlt, wird man befähigt, seine Lebensgeschichte neu zu interpretieren. Dieser Akt stiftet Lebenssinn, setzt Lebenskraft frei.

Religiöse Traditionen stellen ein Deutungsmuster für das Leben von Menschen zur Verfügung. In den letzten Jahren ist bei Lesben und Schwulen ein Sehnen nach religiösem Ausdruck öffentlich geworden. “Established Churches have systematically condemned lesbians and gay men for centuries on moral, biblical, and theological grounds. The result is a tremendous hunger for worship services that honor lesbian and gayexperiences.”[68]  Lesben und Schwule – lange Zeit spirituell exkommuniziert – sehnen sich danach, ihre religiöse Erfahrung auch öffentlich zu leben. Viele wollen in Gottesdiensten etwas von der kreativen, befreienden, emanzipatorischen, heilenden und transformierenden Kraft des christlichen Glaubens erfahren. Sie wollen das Christentum nicht mehr einfach als homosexuellenfeindlich, sondern als lebensfördernd erleben. Sie verlangen nach einer liturgischen Begleitung ihrer Partnerschaften. Die Frage ist, ob Kirche es schafft, die gesellschaftlich zunehmende Akzeptanz von Homosexuellen wahrzunehmen und darauf zu reagieren, mit ihren homosexuellen Gemeindegliedern ins Gespräch zu kommen, auf ihre Erfahrungen zu hören und nicht zuletzt humanwissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen. Die Kirchen sind aufgefordert, in der Beurteilung der Homosexualität im wahrsten Sinne des Wortes über ihren eigenen Schatten zu springen.

Mir scheint es einerseits wichtig, bei der kirchlichen Segensfeier für ein homosexuelles Paar an irgendeiner Stelle und in irgendeiner Form zum Ausdruck zu bringen, dass die Geschichte der Kirche mit den Homosexuellen weitgehend eine Geschichte der Verfolgung und Verletzung war und zum Teil noch ist. Ich kenne keine kirchlich engagierten Lesben und Schwulen, die nicht irgendwann einmal, in irgendeiner Form von Kirche oder ihren Mitgliedern in ihrer Würde verletzt worden wären. Dieser Schmerz, aber auch die Wut dürfen nicht einfach verdrängt, sondern müssen verarbeitet werden. Eine Art der Verarbeitung kann sein, den Schmerz und die Wut im Raum der Kirche auszusprechen oder zur Darstellung zu bringen. Natürlich dürfen Lesben und Schwule auch nicht in eine letztlich lähmende Opferhaltung verfallen. Für ebenso wichtig halte ich andererseits, dass in einer kirchlichen Segensfeier für gleichgeschlechtliche Paare die Kraft, die Buntheit, die Solidarität, die Kreativität der homosexuellen Gemeinschaft mit der Lebenskraft des christlichen Glaubens in Verbindung gebracht wird. Das könnte geschehen durch die Anwesenheit von anderen Lesben und Schwulen im Gottesdienst, aber auch durch Lieder eines schwulen Sängers, durch die Gestaltung der Liturgie durch ein lesbisches Paar, durch das Lesen eines Textes einer lesbischen Schriftstellerin oder Theologin, durch die Dekoration des Raumes und durch die Verwendung von Symbolen aus der lesbisch-schwulen Kultur, z.B. einer Kerze in Regenbogenfarben oder einer Regenbogenflagge. Gerade um den Regenbogen als Symbol des ewigen Bundes zwischen Gott und den Menschen aus der jüdisch-christlichen Tradition und den Regenbogen als Zeichen der Buntheit und Vielfalt aus der lesbisch-schwulen Tradition liesse sich eine eindrückliche Feier gestalten. Auf jeden Fall braucht es m.E. eine Art “Inkulturation” der Feier in die lesbisch-schwule Kultur, wenn die vielen kirchlich entfremdeten Lesben und Schwulen  in der Kirche wieder Heimat finden sollen.

In einer kirchlichen Segensfeier für ein homosexuelles Paar erscheint mir neben dem Gebet und dem Segen eine öffentliche Absichtserklärung des Paares in irgendeiner Form wichtig. Ich habe keine Liturgie gefunden, in der diese fehlt. Es geht bei der Absichtserklärung nicht um ein unrealistisches Versprechen, das die Zukunft verbaut oder das missachtet, dass sich Menschen verändern. Gerade für eine kirchlich bis jetzt noch immer “ungeliebte Liebe”[69] kann es aber ein Akt der Erleichterung, ja gar der Erlösung sein, in der Öffentlichkeit, also vor FreundInnen, der Familie und Gott in einer liturgischen Formel die Liebe zueinander in guten und schlechten Tagen auszusprechen und zu bekräftigen. Gottesdienste sind Unterbrechung des Alltags. In einer kirchlichen Feier für gleichgeschlechtliche Paare steht das Paar unter dem Ja Gottes.  Im absoluten Ja Gottes können die PartnerInnen einander ihr – wenn auch bloss fragmentarisches – Ja zusprechen. Ein anderer wichtiger Aspekt der Segensfeier für gleichgeschlechtliche Paare scheint mir die Dimension des Festes zu sein. Der Gottesdienst bietet einen zweckfreien Raum. Nichts braucht erklärt oder verteidigt zu werden. Die Lebensform ist nicht Gegenstand endlosen Problematisierens, sondern Grund zum
Feiern und zur Freude, die ausgedrückt werden will.

Meine Ausführungen will ich mit einem mir lieben Bibelzitat beschliessen.

“Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.” 1.Joh 4,16

10.  Literaturliste

 

Bäumlin, Klaus, Einige Erwägungen zu einer kirchlichen Segensfeier für eine homosexuelle Partnerschaft, 2.Juni 1995, 1-4 (unveröffentlicht).

Ders., Segensgottesdienst für die Lebensgemeinschaft von Stephan Diggelmann und Bareld Storm, am 8.Juli 1995 in der Nydegg Kirche, 1-18 (unveröffentlicht).

Barben-Müller, Christoph, Segen und Fluch. Überlegungen zu theologisch wenig beachteten Weisen religiöser Interaktion, in: Evangelische Theologie, 55. Jg. Heft 4, 1995, 351-373.

Basler Zeitung Nr. 86 vom 12.4.1996, Mehr Kircheneintritte 9.

Bukowski, Peter, “Ein sakramentales Missverständnis der Ehe” Gespräch mit Peter Bukowski, dem Moderator des Reformierten Bundes, in: Reformierte KirchenZeitung 8, 136. Jg. 1995, 364-366.

Butler, Becky (Hrg.), Ceremonies of the Heart. Celebrating Lesbian Unions, Washington 1990.

EKD Texte 57, Mit Spannungen leben. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema “Homosexualität und Kirche”, Hannover 14. März 1996.

Evangelisch Reformierte Kirchen Bern-Jura, Kirche und Gleichgeschlechtlichkeit. Aufbruch in den reformierten Kirchen Bern-Jura, eine Antwort auf viele Zuschriften, Bern 1995, 1-5.

Evangelische Kirche im Rheinland Landessynode 1992. Homosexuelle Liebe. Arbeitspapier für rheinische Gemeinden und Kirchenkreise (Ort nicht gegeben),13-65.

Gräb Wilhelm, Rechtfertigung von Lebensgeschichten. Erwägungen zu einer theologischen Theorie der kirchlichen Amtshandlungen, in: Pastoraltheologie 76. Jg. 1987, 21-38.

Josuttis, Manfred, Der Traugottesdienst, in: Wintzer, Friedrich, Praktische Theologie, Neukirchen- Vluyn 41993, 53-65.

Ders., Gottesliebe und Lebenslust. Beziehungsstörungen zwischen Religion und Sexualität, Gütersloh 1994.

Kirchenrat des Kantons Zürich (Hrg.), Kirchenbuch 2/1. Gottesdienst bei der Trauung, Zürich 1973, V-XXIV.

Kittredge, Cherry/ Zalmon, Sherwood (Hrg.), EqualRites. Lesbian and Gay Worship, Ceremonies, and Celebrations, Louisville, Kentucky 1995.

Lienemann, Wolfgang,Ehe und Familie für alle?” in: Institut für Sozialethik des SEK (Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund) (Hrg.), Ehe und Familie für homosexuelle Paare? Rechtliche und ethische Aspekte, Bern 1995,8-41.

McNeill, John J., Sie küssten sich und weinten. Homosexuelle Frauen und Männer gehen ihren spirituellen Weg, München 1993.

Müller, Theophil, Konfirmation, Hochzeit, Taufe, Bestattung. Sinn und Aufgabe der Kasualgottesdienste, Stuttgart 1988.

Pannenberg, Wolfhart, Christliche Rechtsüberzeugungen im Kontext einer pluralistischen Gesellschaft, in: Zeitschrift für Evangelische Ethik 4/1993, 256-266.

Partnerschaftssegnung in der Basisgemeinde MCC-Hamburg, Kleiner Pulverteich 17-21, 20099 Hamburg, (ohne Datum)1-7.

Radford Ruether, Rosemarie, Unsere Wunden heilen, unsere Befreiung feiern. Rituale in der Frauenkirche, Stuttgart 1988.

Schildchrott. Zeitschrift des ökumenischen Vereins “Homosexuelle und Kirche Schweiz”, 4/95, Einsegnung von Homosexuellen, (Ort nicht gegeben), 26-28.

Stuhlmann, Rainer, Homosexuelle Liebe. Was die Bibel sagt – und was sie nicht sagt, in: Reformierte KirchenZeitung 6, 136. Jg. 1995, 259-266.

Ders., Trauung und Segnung. Biblisch-theologische Gesichtspunkte für die Diskussion aktueller Fragen, in: Pastoraltheologie 84, August 1995 Heft 8, 487-503.

Tessina, Tina, In guten wie in schlechten Tagen. Anregungen für homosexuelle Paare, Hamburg 1991.

[58] Die drei Liturgien befinden sich im Anhang.

[59] Vgl. Bäumlin, Segensgottesdienst 1-18.

[60] Artikel 28: “Kinder, die nicht getauft werden, und ihre Eltern können in eine persönliche Fürbitte eingeschlossen werden. Dies gilt auch für andere Gemeindeglieder in einer besonderen Lebenslage wie Kranke, von einem schweren Schicksal Betroffene oder vor einer grossen Verantwortung Stehende. Sie sollen auf diese Weise den Zuspruch des Evangeliums und das Mittragen der Gemeinde erfahren.” Evangelisch Reformierte Kirchen Bern-Jura, Gleichgeschlechtlichkeit 4.

[61] ebd.

[62] Vgl. ebd.

[63] Vgl. a.a.O. 1.

[64] Vgl. Partnerschaftssegnung in der MCC-Hamburg 1-7.

[65] Vgl. Radford Ruether, Befreiung 217-220.

[66] a.a.O. 218.

[67] Ein anderes Beispiel dafür: An einer nicht im kirchlichen Rahmen stattfindenden Partnerschaftsfeier eines befreundeten lesbischen Paares wurde die Wichtigkeit des FreundInnenkreises in einer Symbolhandlung dargestellt. In einen grossen Webrahmen waren zwei Bänder eingeflochten, die die Lebensreise der beiden Frauen symbolisierten, zuerst ohne die andere, dann miteinander. Die anwesenden FreundInnen hatten die Aufgabe, ihr mitgebrachtes farbiges Band ebenfalls einzuweben, um damit auszudrücken, dass ihr Leben mit dem Leben des Paares verflochten ist.

[68] Cherry/Sherwood, Rites XI.

[69] Vgl. Josuttis, Gottesliebe  94.

 

Anhang


Segensgottesdienst für die Lebensgemeinschaft von Stephan Diggelmann und Bareld Storm am 8.Juli 1995 in der Nydeggkirche

 

“Ich kenne meine Gedanken, die ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Heils sind es, nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, so erhöre ich euch. Sucht ihr nicht, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden.” (Jer. 29,11-14)

Ich begrüsse Sie herzlich und heisse Sie in der Nydeggkirche willkommen.

Stephan Diggelmann und Bareld Storn haben sich diesen Gottesdienst gewünscht. Es ist ihr Wunsch, ihre Lebensgemeinschaft unter den Segen Gottes zu stellen und sie möchten ihr Ja zueinander vor dem Angesicht Gottes, aber auch vor ihren Familien und Freunden bestätigen. Sie möchten ihrer Freude und Dankbarkeit Ausdruck geben darüber, dass sie zueinander gehören und diese Freude mit uns allen teilen.

Es ist etwas noch Aussergewöhnliches, dass zwei Männer in einem Gottesdienst um den Segen Gottes für ihre Liebes- und Lebensgemeinschaft bitten. Homosexuelle Liebe ist in unserer Gesellschaft und in der Kirche seit zweitausend Jahren etwas, das es nicht geben darf. Homosexuell empfindende Menschen sind geächtet, ausgeschlossen, verfemt, verletzt und am Aufbau einer tragfähigen Lebensgemeinschaft verhindert worden.

Für mich ist dieser Gottesdienst auch ein kleines Zeichen von Wiedergutmachung und ich wünsche mir, dass er auch ein kleiner Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sein kann.

Vor allen aber wollen wir uns jetzt mit Stephan und Bart freuen, dass sie zueinander gehören und für einander da sind.

Lasst uns beten:

Noch bevor wir Dich suchen, Gott, bist Du bei uns.

Wenn wir Dich als Vater anrufen, hast Du uns längst schon wie eine Mutter geliebt. Wenn wir ,,Herr” zu Dir sagen, gibst Du Dich in Christus als Bruder zu erkennen.

Wenn wir Deine Brüderlichkeit preisen, kommst Du uns schwesterlich entgegen. Immer bist Du es, der uns zuerst geliebt hat. Darum sind wir jetzt hier – nicht weil wir besonders gut und fromm wären, sondern weil Du Gott bist und weil es gut ist, Dir nahe zu sein. Amen.

Chor: “The Gospel Train”

“Zwei sind besser als einer allein. Wenn sie hinfallen, richtet einer den andern auf” (Kohelet 4,9f.)

Liebe Familien und Freunde, liebe Gemeinde, heute, in diesem Gottesdienst, bitten wir Gott um seinen Segen zur Lebensgemeinschaft von zwei Männern. Und Ihr beiden, Stephan und Bart, Ihr wollt vor dem Angesicht Gottes und in Gegenwart der hier versammelten Menschen euer Ja zueinander bekräftigen und bestätigen

Vieles spricht gegen das, was wir heute miteinander tun, gegen diesen Gottesdienst.

Das Gewicht einer jahrhundertealten Tradition spricht dagegen.

Und was für Christen noch schwerer wiegt:

es gibt in unserer Bibel ein paar Worte, die Homosexualität verurteilen.
Und schliesslich spricht gegen das, was wir jetzt tun, auch das Empfinden, Fühlen und das Gewissen vieler Christen, die noch heute im schweren Schatten dieser Tradition und dieser Bibelstellen stehen.

Ich spüre das dreifache Gewicht, das gegen diesen Gottesdienst spricht. Ich kenne den Schatten.

Ich möchte diesen Gottesdienst mit euch zusammen feiern, damit wir aus dem Schatten heraustreten und zusammen in das Licht von Gottes Erbarmen und Liebe hineintreten.

Ich kenne die Bibel. Ich lese sie. Ich arbeite mit ihr. Ich liebe sie. Ich kenne die wenigen Worte, in denen Homosexualität erwähnt und verurteilt wird. Aber ich kenne auch den Geist, der uns in der Bibel begegnet. Der Gott, der mir in ihr begegnet, ist kein Gott, der die Menschen niederdrückt und ihnen das Leben schwer macht. Er ist ein Gott, der will, dass die Menschen leben.

Im Licht seiner Liebe blüht die Schöpfung auf. Im Licht seines Erbarmens sollen Menschen aufatmen und aufstehen zum aufrechten Gang, sollen herauskommen aus dem Schatten von Einsamkeit, Angst und Schuld und Verzweiflung. Sie sollen im Frieden leben.

In der Geschichte vom Anfang, die erzählt, wie Gott die Menschen erschaffen hat, lese ich das schöne Wort:
“Gott, der Herr sprach: Nicht gut ist es, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.” Man könnte es auch so übersetzen:
“Ich will ihm ein Gegenüber geben, das zu ihm passt.”

Liebe Freunde, ihr wisst, wie die Geschichte weitergeht:
Gott liess den Menschen in einen tiefen Schlaf fallen, nahm eine seiner Rippen und baute aus der Rippe, die er den Menschen entnommen hatte, die Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: “Das ist endlich Bein von meinem Bein, Fleisch von meinen Fleisch!” Endlich das Gegenüber, die Hilfe, die mir entspricht!

Die Menschen jener alten Zeit, die die Worte der Bibel aufgeschrieben haben, konnten sich unter der Hilfe, die dem Mann entspricht, nur die Frau vorstellen. In der Liebe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen konnten sie nichts anderes sehen als eine widernatürliche sexuelle Verirrung. Wir wollen ihnen keinen Vorwurf machen; sie waren Kinder ihrer Zeit. Sie konnten nicht wissen, was wir heute langsam zu verstehen beginnen:

dass es Menschen gibt, die die Hilfe, die ihnen entspricht, das Gegenüber, das zu ihnen passt, nur in einem Menschen des gleichen Geschlechts suchen und finden können.

Homosexualität –

was für ein schiefes, unglückliches, missverständliches Wort!

Es unterstellt, dass die Liebe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen nur aus Sexualität besteht.

Es reduziert Menschen auf ihre Sexualität. Dieses Bild steht hinter jenen Bibelstellen, die so negativ über die Homosexualität reden. Endlich, endlich beginnen wir allmählich zu verstehen, dass die Liebe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts – genau wie die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau –

viel mehr umfasst als die Sexualität.

So ist es bei euch beiden, Stephan und Bart. So habe ich euch kennen gelernt.

Da ist eure Freude, dass ihr einander begegnet seid.

Als ein Aufatmen, als eine Befreiung, als ein grosses Glück habt ihr es erfahren:
Endlich habt ihr, einer im andern, die Hilfe, das Gegenüber gefunden, das euch entspricht.

Und so umfasst eure Partnerschaft viel mehr als Sexualität.

Ihr wollt für einander da sein. Ihr wollt euer Leben miteinander teilen, nicht nur mit seinen leichten und hellen Seiten, nicht nur die Feste und Spiele, auch die kleinen und grossen Sorgen, Mühen und Lasten des Alltags. Das ganz gewöhnliche Leben mit seinen Höhen und Tiefen wollt ihr miteinander teilen. Ihr wollt zusammenbleiben. Das Wort “Treue” ist euch wichtig geworden. Das Ja, das Ihr zueinander sagt, soll über den Tag hinaus Gültigkeit haben.

Ich kann’s nicht besser, nicht schöner sagen, als die Bibel es sagt:
Ihr seid einander zur Hilfe geworden, zum Gegenüber, das euch entspricht. Und deshalb empfindet Ihr auch eine tiefe Dankbarkeit – eine Dankbarkeit gegenüber Gott. Ihr nehmt einander an wie ein Geschenk aus Gottes Hand. “Stephan und Bareld sagen ja zueinander, Freunde sagen ja zu uns, Gott sagt ja zu uns”, so habt Ihr es auf die Einladung zu Eurem Fest geschrieben. Und ich denke, kein Mensch hat das Recht, euch das Ja, das ihr zueinander sagt, auszureden und euch auch nicht das Ja auszureden, das ihr von Gott her hört zu eurer Lebensgemeinschaft.

“Nicht gut ist es, dass der Mensch allein bleibt.”
In diesem Wort höre ich den Geist der Bibel. Hier begegne ich der Stimme des lebendigen Gottes.

Es ist ein Gott, der die Menschen kennt und lieb hat und deshalb weiss, was sie nötig haben zum Leben.
Er weiss, dass wir zum Leben Liebe brauchen und Barmherzigkeit, ein wenig Zärtlichkeit und viel Gerechtigkeit, und das tägliche Brot und ein Dach überm Kopf,
und ein Stück Boden unter den Füssen. Es ist ein Gott, der selber nicht allein sein will und deshalb die Schöpfung ins Leben ruft und die Menschen erschafft, damit er ihr Gott und sie seine Freunde sind, damit er mit ihnen und sie mit ihm reden.

“Nicht gut ist es, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht, ein Gegenüber, das zu ihn passt.” Hier begegnet mir schon auf den ersten Seiten der Bibel das Evangelium, die frohe Botschaft:
die Stimme des Gottes, der für die Menschen das Gute will und das Gute schafft.
Gut ist, wenn Menschen einander zur Hilfe werden, für einander da sind, miteinander ihr Leben teilen.
Gut ist, wenn Menschen einander helfen, dass das irdische Leben nicht nur Mühsal und Beschwer ist, sondern dass darin etwas aufscheint von Gottes Zärtlichkeit und Gerechtigkeit.

Sollte diese liebevolle Zusage Gottes nur gelten für die Lebensgemeinschaft eines Mannes mit einer Frau?

Sollte sie wirklich all jene ausschliessen, die die Hilfe, die ihnen entspricht, das Gegenüber, das zu ihnen passt, nur in einem Menschen des gleichen Geschlechts sehen können?

Sollten sie zu dem verurteilt sein, was in den Augen Gottes nicht gut ist für den Menschen: zum Alleinsein?

Ich denke nicht.

Ich denke, dass wir heute, wo wir die geschlechtliche Orientierung eines Menschen, also auch die sogenannte Homosexualität anders zu verstehen beginnen, als unsere Vorfahren sie verstehen konnten – ich denke, dass wir heute das schöne Wort von der Hilfe, die dem Menschen entspricht, von Gegenüber, das zu ihm passt, so verstehen dürfen, dass es auch euch beide, lieber Stephan, lieber Bart mit einschliesst. Ich denke, dass auch ihr dieses Wort hören und verstehen dürft als das Ja Gottes zu eurem gemeinsamen Leben, als Verheissung seines Segens für euch.

Segen ist keine Zauberformel.

Segen ist nicht einfach automatisch da,

Segen kommt zu euch und bleibt bei euch, wenn und solange ihr das Ja, das ihr zueinander sagt, getragen wisst von dem grösseren und stärkeren Ja, das Gott zu uns sagt. – Gesegnet ist eure Lebensgemeinschaft, wenn eure Liebe zueinander ihre Kraft bekommt von der Liebe Gottes her.

Was das heisst, möchte ich euch in ein paar Andeutungen zu sagen versuchen.

Gott liebt nicht nur das, was ohnehin liebenswert, begehrenswert, attraktiv und sympathisch ist.

Er liebt uns so, wie wir sind.

Er liebt uns auch dort, wo wir klein, schwach, unansehnlich, schwierig und unangenehm sind.

Die Liebe Gottes liebt nicht nur das Schöne, weitere, Helle und Gute in uns.

Sie liebt uns mit den dunkeln Widersprüchen, die in uns sind und die immer wieder hervorbrechen und unser Zusammenleben in Frage stellen.

Daran dürft ihr beide euch halten. Ihr seid beide zunächst einmal, ganz unabhängig, was ihr für einander empfindet je ein von Gott geliebter Mensch.

Das Geheimnis von Gottes Liebe heisst Vergebung Gott legt uns nicht fest auf das, was wir waren und getan haben.
Er schenkt uns neue Anfänge. In einer Partnerschaft wie der euren werden Menschen aneinander schuldig. Sie lernen sich kennen mit ihren schwierigen, problematischen Seiten.

Aber ihr dürft miteinander leben vom Geheimnis der Vergebung.

Vergebung ist die Energie der Treue. Treue hat nichts zu tun mit ängstlicher, säuerlicher Moral.

Treue ist grosszügig.

Sie lebt aus der Kraft der Vergebung, die den andern nicht aufgibt, ihn nicht fallen lässt, so wie Gott uns nicht fallen lässt.

Gottes Liebe ist nicht exklusiv.

Sie schliesst alle ein.

Eure Partnerschaft hat etwas Exklusives.

Es gibt für euch Dinge, die ihr nur miteinander teilen wollt. Und das ist gut so.

Aber wenn ihr eure Lebensgemeinschaft im weiten Horizont der Liebe Gottes lebt, die die Welt umspannt und rettet, dann kann sie nicht einfach ein isoliertes Glück zu zweit sein.

Gottes Liebe hat offene Augen für die andern. Aufmerksam ist sie für die Not und das Leid. Ihr Geheimnis ist das Anteilnehmen, das wache Interesse am Schicksal anderer. Davon lebt auch eure Partnerschaft. Wo sie sich selber genügt, wo sie nur noch da wäre für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche, wo sie zum Egoismus zu zweit wird, da verkümmert sie, der Atem geht ihr aus. Wenn ihr aber Anteil nehmt am Schicksal anderer, wenn euer Glück euch sensibel macht für das Glück und das Unglück anderer, da wachsen eurer Partnerschaft unerwartete, überraschende Kräfte zu.
Da bleibt sie spannend und lebendig. Dann wird sie gesegnet sein.

Darf ich auch noch ein Wort besonders zu euch Eltern und Familien von Stephan und Bart sagen?

Eltern machen sich ja so ihre Vorstellungen, was für ihre Kinder gut ist, wer und was zu ihnen passt und ihnen entspricht Und nun haben eure Söhne einen Lebenspartner gefunden, der ihnen entspricht, zu ihnen passt, und der nicht dem entspricht, was ihr euch wohl einmal vorgestellt habt. Das ist nicht leicht für euch. Mein Wunsch, meine Bitte, mein Gebet ist, dass eure Freude darüber, dass eure Söhne nicht allein sind, so stark wird, dass die Enttäuschung in Vergessenheit gerät.

Denn darüber freuen wir uns jetzt mit euch, lieber Stephan, lieber Bart:

dass ihr einander liebt. Dass ihr Mut habt zueinander, Dass ihr Ja sagt zueinander. Dass ihr füreinander da seid, einander beisteht, euer Leben miteinander teilt und einander alles anvertraut. Dass ihr miteinander glücklich seid.

Darüber freuen wir uns mit euch. Es ist ein Grund, ein Fest zu feiern.

Dass eure Liebe und Partnerschaft geborgen ist in der grösseren, der unvergänglichen Liebe Gottes, dass eure kleine gemeinsame Lebensgeschichte – und die Lebensgeschichte von uns allen – hineingestellt ist in den Horizont der grossen Geschichte von Gottes Treue, das ist erst recht Grund für ein Fest. Mein Glückwunsch für euch ist, dass ihr beide, dass euer gemeinsames Leben ein Zeichen für Gottes Liebe in dieser Welt ist, ein Reflex Seiner ewigen Treue,

“a reflexion of His grace”

Chor

Stephan Diggelmann und Bareld Storn, ihr habt euch diesen Gottesdienst gewünscht, um mit euren Angehörigen und Freunden zusammen eurer Freude und Dankbarkeit Ausdruck zu geben, dass ihr zusammengehört.

Ihr wollt Gott um seinen Beistand und Segen bitten und bezeugen, dass ihr euch in Vertrauen auf Gottes Treue annehmt als Lebenspartner. Ihr wollt euer Ja zueinander bestätigen, so, dass auch andere es hören und bezeugen:
ein Ja, das gilt und verbindlich ist.

Ihr wollt einander helfen, das Leben zu bestehen Ihr wollt beieinander bleiben, einander tragen. für einander da sein, in guten und in schweren Zeiten, so, dass der eine sich auf den andern verlassen kann Ihr wollt aufeinander hören und einander Antwort geben.

Ihr wollt zueinander Sorge tragen und einander in eurer Einzigartigkeit verstehen und achten. Und weil ihr wisst, dass es dazu noch mehr braucht als die eigene Kraft und die eigenen Vorsätze, deshalb bittet ihr um Gottes Segen und Beistand.

Stephan und Bareld, wollt ihr einander im Angesicht Gottes und vor dieser Gemeinde annehmen als Partner für ein gemeinsames Leben, wollt ihr eure Lebensgemeinschaft leben in der Verantwortung vor Gott und im Vertrauen darauf, dass Gott euer Zusammenleben segnet, so gebt einander die Hand und sagt Ja.

Stephan und Bareld, Gott wird für euch da sein in allen, was auf euch zukommt. Er stärke euch in der Liebe zueinander. Er bewahre euch in der gegenseitigen Vergebung. Gott segne euch, damit ihr für einander und für andere zu einem Segen werdet.

So schenkt euch jetzt eure Ringe. Sie sollen ein sichtbares Zeichen sein für euch und für andere, dass ihr zueinander gehört.

Gebet

Gott, wir danken Dir für alle Liebe und Zärtlichkeit, für alle Sorgfalt, Geborgenheit und Freundschaft, die Menschen einander schenken. Wir danken Dir für das Glück von Stephan und Bareld:

dass sie zueinander gehören, einander lieben, Gib ihnen den Geist der Zuversicht und der Versöhnung.

Lass sie zusammenhalten auch in der Not. Ihrer Liebe lass Treue entspriessen, die ausstrahlt auch auf andere Menschen. Hilf ihnen, dass Dein Ja, Deine Liebe sie trägt und bewahrt in guten und schweren Zeiten,

Wir bringen vor Dich, Gott, auch unsere Trauer über Schmerz, Streit und Verletzung, über Angst, Gewalt und Entbehrung
in den Beziehungen von Männern und Frauen. Wir denken an die, deren Partnerschaft zerbrochen ist, deren Bedürfnis nach Anerkennung, Zärtlichkeit und Geborgenheit unerfüllt bleibt.

Wir denken an die Verlassenen und Einsamen, an die, die zurückbleiben, auch an die, die weggehen.

Halte uns fest, Gott, auch dann, wenn wir uns von Dir und voneinander entfernen.

Jesus Christus, Du hast uns die Liebe Gottes offenbart.

Du machst uns zu Brüdern und Schwestern. Lass uns einander geschwisterlich, mit Achtung und Sorgfalt begegnen. Hilf uns Männern, uns Frauen, dass wir einander beistehen, dass unser Leben zum Zeichen Deiner Menschenfreundlichkeit wird.

In Deinem Namen bitten wir:

Unser Vater im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Chor

Reiche helfen dem Armen zu ihrem Recht.
Grosse verstehen die Ängste der Kleinen.
Starke geben den Schwachen eine Chance.
Glückliche sind offen für die Sorgen Unglücklicher.
Fröhliche kommen Traurigen entgegen.
Gesunde stehen Krankem bei.
Die es gut haben zusammen mit andern, finden den Weg zu Einsamen.
Die, die glauben und vertrauen, lassen sich ein auf Fragen der Zweifelnden.
So beginnt unter uns die Zeit Gottes und sein Segen kommt zu uns.
Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht euch zu und gebe euch Frieden.
Amen.

Liturgie: Klaus Bäumlin


Partnerschaftssegnung in der MCC-Hamburg

 

Vorab: Die MCC-Hamburg kennt kein feststehendes Formular für Partnerschaftssegnungen, das so und nicht anders, bei jeder Segnung durchgeführt werden muss. Statt dessen ist es uns wichtig, mit jedem Paar individuell zu klären, was es jeweils für sich benötigt. Dazu gehören die Gestaltung des Gottesdienstes ebenso wie die Versprechen, die die Partnerlnnen einander geben wollen. Bei unterschiedlichen Bedürfnissen kommen entsprechend unterschiedliche Gottesdienstformen und Inhalte der Gelöbnisse heraus.
Das folgende stellt eine Art Querschnitt aus verschiedenen Gottesdiensten, in denen wir bisher Partnerschaftssegnungen gefeiert haben, dar. Dafür dass der nächste wieder so ähnlich aussieht, gibt es keine Gewähr.

Die Abkürzung “L”, die im weiteren Verlauf benutzt wird, steht für “Liturgln”; “L1″ und “L2″ sehen das Wechselspiel zwischen zwei Liturglnnen vor.

Irgendwo zu Beginn eines jeden Gottesdienstes zur Partnerschaftssegnung steht in der Regel ein Statement, wie das folgende:

L:   Lasst mich zu Beginn noch eines klarstellen: In diesem Gottesdienst nehmen wir keine Trauung vor. Dieser Gottesdienst stellt keine Legitimation der Beziehung von X und Y dar.
Zum einen, da wir in einer Gesellschaft leben, die die Liebe zwischen Partnern des gleichen Geschlechts nach wie vor für eine minderwertige Angelegenheit hält. Für so minderwertig, dass sie keinerlei legitimierte Form einer Beziehung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen zulässt. Und uns ist es – wie allen anderen Kirchen übrigens auch – verboten, hier eine Handlung vorzunehmen, die als Legitimation einer solchen, nicht vom Staat gebilligten Partnerschaft gedeutet werden könnte.

Zum anderen legitimiert dieser Gottesdienst nichts, weil Eure Partnerschaft keinerlei Legitimation bedarf. Eure Partnerschaft ist legitimiert aus der Liebe Gottes, die sie trägt, die Euch und Eure Liebe bejaht. Gott hat sein Ja zu Euch gesprochen, und wir sind hier um uns mit Euch darüber zu freuen. Wir wollen Eure Partnerschaft dem Segen Gottes anvertrauen. Wir wollen die Liebe Gottes feiern, die uns, Euch und Eure Beziehung trägt und so legitimiert, wie es kein Staat, keine Kirche oder wer auch immer tun könnte.

Nach der Predigt folgt dann in der Regel der Vollzug der Partnerschaftssegnung, beginnend mit..

Einleitung:

L1:   X und Y leben miteinander leben gut zusammen und wollen das weiterhin tun Sie wollen das auch im Rahmen dieser Gemeinde tun und möchten, dass wir uns schützend um ihre Beziehung stellen. Sie möchten ihren FreundInnen von denen viele hier sind heute deutlich machen, dass sie zusammengehören und möchten sie um ihre Freundschaft für sie als Paar bitten. Sie möchten einander noch einmal versichern, was sie füreinander sein wollen. Dem, was Beziehung bedroht, soll diese Freundschaftssegnung die Versicherung der Bejahung Gottes als ein lebendiges Zeichen von Schutz und Bestätigung entgegengestellt werden. Und als Christlnnen wollen sie sich im Gebet der Liebe Gottes und dem Segen Gottes anvertrauen. Von der Liebe Gottes und der Liebe zwischen Menschen, die daraus wird, sprechen die Bibeltexte, die wir jetzt hören.

Textlesungen, wie Hoheslied 8,6-7 oder 1. Kor 13 z.B.

Das Versprechen:

L2:   Vor Gott und dieser Gemeinde, frage ich Dich, Y, bist Du bereit, X als Geschenk der Liebe Gottes anzunehmen; bist Du bereit X als Mensch in seiner Eigenheit und Fremdheit zu respektieren und zu schützen; willst Du X lieben und schätzen auch durch seine/ihre Veränderungen hindurch, wirst Du Dir Mühe geben, anzunehmen, statt abzustossen, zu heilen und nicht zu verletzen, zum Leben zu erwecken und nicht zu unterdrücken; willst Du X als PartnerIn für Dein Leben annehmen und sie/ihn stützen und tragen, und Deine Liebe zu ihm/ihr lebendig halten in guten, wie in bitteren Tagen; willst Du X als PartnerIn annehmen, der/die Dir zu Dir selbst und bei der Suche nach erfülltem Leben hilft?
So antworte bitte: Ja mit Gottes Hilfe.

Y:   Ja, mit Gottes Hilfe.

L1:    Vor Gott und dieser Gemeinde, frage ich Dich, X bist Du bereit, Y als Geschenk der Liebe Gottes anzunehmen; bist Du bereit, Y als Mensch in seiner Eigenheit und Fremdheit zu respektieren und zu schützen; willst Du Y lieben und schätzen auch durch ihre/seine Veränderungen hindurch; wirst Du Dir Mühe geben, anzunehmen, statt abzustossen, zu heilen und nicht zu verletzen, zum Leben zu erwecken und nicht zu unterdrücken; willst Du Y als PartnerIn für Dein Leben annehmen und sie/ihn stützen und tragen, und Deine Liebe zu ihm/ihr lebendig halten in guten, wie in bitteren Tagen; willst Du Y als PartnerIn annehmen, die/der Dir zu Dir selbst und bei der Suche nach erfülltem Leben hilft?
So antworte bitte: Ja mit Gottes Hilfe.

X:   Ja, mit Gottes Hilfe.

Bei Bedarf Ringtausch:

An dieser Stelle folgen manchmal von den Partnerlnnen aneinander formulierte Versprechen

L2:   So gebt Euch dann diese Ringe, die Euch Zeichen und Erinnerung sein sollen, an dies Versprechen, das lhr einander gebt.

Gebet der Gemeinde

Manche Paare beziehen hier die Gemeinde ein, manchmal in der Form, dass einzelne, vorher ausgesuchte Vertreterinnen, Gebete sprechen und dabei Kerzen entzünden, die dann auf den Altar gestellt werden.

L1:   Lasst uns gemeinsam um den Segen Gottes beten:(Die Gemeinde bitte ich, zu diesem Gebet aufzustehen. Bitte fasst Euch an die Hände, bildet einen Kreis um X und Y und ich möchte Euch bitten, jeweils mit Y, X, L2 und mir einzufallen in die Wiederholung des Satzes, “dafür bitten wir um Deinen Segen, o Gott”)

L2:   Dass Ihr beide in Liebe zusammenlebt und einander annehmt, wie lhr geworden seid,

Alle:  dafür bitten wir um Deinen Segen, o Gott

L1:   Dass Ihr Euch des Guten gemeinsam freut und in Schmerz und Angst einander Stütze und Trost seid,

Alle:  dafür bitten wir um Deinen Segen, o Gott

L2:   Dass Ihr die Hoffnung füreinander nicht aufgebt, einander verzeiht und immer von neuem miteinander befreiende Wege sucht,

Alle:  dafür bitten wir um Deinen Segen, o Gott.

Amen

Segen:

L1:   Nun wendet Euch einander zu und fasst Euch bei den Händen. Und seht einander an, damit Ihr füreinander zu Zeugen werdet – des Segens, den wir Euch zusprechen:

L2:   Freies Gebet

L1:   Gott segne Euch und behüte Euch in seiner Liebe, er erhalte Eure Liebe, er gebe Euch Kraft zu allem Bittern, er schenke Euch langen Atem füreinander. Gott lasse sein freundliches Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig, er lasse die Freude bei Euch wohnen, er erhalte Euch das Wissen, dass seine Liebe Euch trägt. Er hebe sein Angesicht auf Euch und schenke Euch Frieden.

Amen


Zeremonie für das Lebensbündnis eines lesbischen Paares

Weitaus weniger Vorbilder gibt es für Zeremonien, die das Lebensbündnis eines homosexuellen Paares zum Inhalt haben. Das folgende Hochzeitsritual wurde für Phyllis Athey und Mary Jo Osterman entworfen; die Feier fand am 19. August 1982 in der Wheadon United Methodist Church in Evanston, Illinois, statt.
Musik: “Shooting Star” von Chris Williamson und “The Road I Took to You” von Meg Christian

Einleitende Worte

Phyllis: “Wir stehen hier in Gegenwart der Menschen, die uns auf vielen Stationen unserer Lebensreisen begleitet haben. Ihr seid unsere Familie. Wir freuen uns, dass ihr gekommen seid, um unseren Neubeginn, die Begründung unserer neuen Familie zu bezeugen.”
Mary Jo: “Wir haben euch hier zusammengerufen, um den Beginn eines neuen Teils unserer Lebensreise zu feiern. Wir sind hier, um ein Lebensbündnis zu schliessen.”
Die Gemeinschaft: “Wir freuen uns, Teil der Feier zu sein. Wir haben jede von euch als Einzelwesen geschätzt und geliebt. Wir werden euch auch als Paar weiterhin schätzen und lieben.” (Einzelne Teilnehmer/innen der Zeremonie können nun ihre Reflexionen und Segenswünsche äussern.)

Bekenntnisgebet

Alle sprechen gemeinsam: “O Gott der Freiheit und der Ganzheit, wir bekennen, dass wir auf unserem Weg zur neuen Erde alle wankend geworden sind. Eifersucht und Konkurrenz haben uns voneinander getrennt. Machthierarchien und Rollenvorurteile haben uns in unseren menschlichen Beziehungen eingeschränkt. Wir sind gestrauchelt unter dieser Last, aber wir hatten Angst davor, sie von uns zu werfen.” (Alle meditieren schweigend über dieses Bekenntnis.) “Gott hat uns die Möglichkeiten der Freiheit und der Bindung gegeben. Der Geist gibt uns die Kraft, diese Möglichkeiten zu verwirklichen. Wir gehen unseren Weg in Zuversicht und Freude.”

Musik: “We Are gathered Here Together in the Presence of the Spirit” von Dorie Ellzey.

Bibellesung

Ruth 1, 6-18 (Naomi reist aus Moab in ihr Land Juda zurück und fordert ihre beiden verwitweten Schwiegertöchter auf, ebenfalls in ihre Heimatorte zurückzukehren. Ruth weigert sich jedoch, Naomi zu verlassen: “Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, und wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.”

Auslegung des Bibelworts, Reflexion über die Bedeutung von Lebensbündnissen und Familienbindungen

Das Bindungs versprechen

Phyllis: “Unter allen Menschen, die in mein Leben getreten sind, habe ich dich auserwählt, um ein Lebensbündnis mit dir zu schliessen. Mit dir und um dich will ich mein Leben neu ordnen. Ich freue mich über das Geschenk dieser Bindung und über mein Bemühen, das Geschenk der Liebe zu geben.”

Mary Jo: “Von allen Menschen, denen ich begegnet bin, habe ich dich auserwählt, um gemeinsam mit dir meine Lebensreise fortzusetzen. Mit dir und deinem Leben will ich die Fäden meines Lebens verflechten. Ich freue mich über das Geschenk dieser Bindung und über mein Bemühen, das Geschenk der Liebe anzunehmen.”

Gelöbnisse

“Ich liebe dich. Ich will dir das Beste von dem geben, was ich bin und was ich sein werde. Ich entscheide mich, mit dir ein Lebensbündnis zu schliessen. Ich weiss, der Weg wird nicht einfach sein, aber mit dir ist mein Leben reicher. Ich verspreche. dass ich mit dir arbeiten, spielen und träumen will, und ich werde mein Bestes tun, damit unsere Träume wahr werden. Ich verspreche, deine Tränen und dein Lachen mit dir zu teilen und dich an meinen Tränen und meinem Lachen teilhaben zu lassen. Ich verspreche, zu respektieren, dass jeder von uns Raum für sich selbst braucht; ich werde zu dir zurückkehren und vertraue darauf, dass du zu mir zurückkehrst. Ich verspreche, dich zu respektieren und das, was dich von mir unterscheidet, mit Freude zu begrüssen. Ich verspreche, dich um Vergebung zu bitten, wenn ich von unserem Bündnis abgewichen bin.”

Wechseln der Ringe. Annehmen eines gemeinsamen Namens

Leiter/in des Rituals: “Was ist das Zeichen eures Lebensbündnisses?”

Phyllis/Mary Jo: “Ich gebe dir diesen Ring.”

Mary Jo: “Er bedeutet Tränen, die sich in Lachen verwandeln.”

Phyllis: “Und eine Ramme, die unsere Zukunft beleuchtet.”

Mary Jo/Phyllis: “Er ist das Geschenk und das Symbol unserer Liebe.”

Leiter/in: “Welchen gemeinsamen Namen habt ihr gewählt?”

Phyllis/Mary Jo: “Wir wählen den Namen Kinheart als gemeinsamen Namen in unserer Beziehung. Dieser Name steht für die Verwandtschaft unserer Herzen und für unser gemeinsames Leben.”

Lied: “Whereever You Go I will Go.”

Bestätigung des Lebensbündnisses

Leiter/in des Rituals: “Phyllis Kinheart Athey und Mary Jo Kinheart Osterman, ihr seid nun vor Gott und dieser Gemeinschaft in einem Lebensbündnis vereinigt”

Gemeinschaft: “Wir bezeugen dieses Bündnis zwischen euch, Phyllis und Mary Jo. Wir werden euch an die Verantwortung erinnern für den Bund, den ihr heute geschlossen habt. Wir werden euch unterstützen mit unseren Gebeten und mit den Gaben unserer Gemeinschaft.”

Ritual der Kommunion

Dieses Kommunionsritual ist unser Geschenk an die Gemeinschaft. Es symbolisiert die Verbindungen von Vergangenheit und Gegenwart, Gegenwart und Zukunft. Wir laden alle Anwesenden ein, am Ritual der Verbindung, am Gebetskreis und an der Kommunion teilzunehmen. Der Kreis ist offen, alle sind willkommen.

Mary Jo: ” Dieser Kelch mit Wasser steht für die Tränen aller Unterdrückten, die vor uns waren. Ich zeichne dein Gesicht mit dem Zeichen der Tränen.” (Der Kelch wird weitergereicht, und jede(r) zeichnet das Gesicht des nächsten mit einer Tränenspur.)

Phyllis: “Dieser Korb mit getrockneten Weinbeeren steht für die Träume der Generationen. die nicht frei waren. Er symbolisiert unsere vergeblichen Mühen und Hoffnungen. ” (Die Rosinen werden weitergereicht; die Anwesenden essen davon.)

Mary Jo: “Dieser Korb mit frischen Weintrauben steht für unsere Arbeit. unsere Träume und unsere Hoffnungen: die Trauben sind die Früchte der neuen Erde.”

Phyllis: “Dieses Rosinenbrot ist die Mischung des neuen Korns und der altern Früchte: es soll uns auf der Reise nähren. Wir eignen uns unsere Vergangenheit an und bewegen uns auf die Zukunft zu. Wir reichen euch dieses Brot als Mahl der Gemeinschaft. ”

Gebetskreis

Die Anwesenden werden nun eingeladen. spontane Reflexionen und Dankgebete auszusprechen. Brot und Trauben werden herumgereicht und alle kosten davon. Dann erklingt das Kommunionslied “Take and Eat

Leiter/in des Rituals: “Wir haben der Tränen und der verlorenen Träume der Vergangenheit gedacht: Wir sind in ein neues Bündnis eingetreten und haben seine Früchte gekostet Wir werden unsere Reise in die Freiheit fortsetzen. Amen.

Abschlussmusik: “Song of the Soul” von Chris Williamson. Alle werden eingeladen, an einem festlichen Empfang teilzunehmen